Gigerheimat: Worte
Geld&Geist
zurück zur Bücher-Liste zurück zur Übersicht "Worte"  

 

Andreas Giger:

GELD UND GEIST 2010

Streifzüge durch zukünftige Banken-Landschaften

 

© 5.10.1998 by Andreas Giger

 

Vorwort:

Das vorliegende Scriptum futurum befaßt sich mit der Zukunft der Banken im 21. Jahrhundert. Es zeigt wahrscheinliche Szenarien auf und weist auf Potentiale hin.

Der Titel GELD UND GEIST verweist auf die zentrale Fragestellung der folgenden Überlegungen: Welche Auswirkungen hat ein gewandeltes Verhältnis zwischen Geld und Geist auf die Gestaltung der Bankenlandschaften des 21. Jahrhunderts ? Vertieftes dazu finden Sie in den E-Mails 1 und 2.

Die Entstehung dieses Skripts wurde ermöglicht durch einen großzügigen Beitrag von Herrn Dr.Karl-Gerhard Schmidt, persönlicher haftender Gesellschafter der SchmidtBank in Hof. Mehr als ein ganz herzliches Dankeschön wäre zwar angebracht, würde aber nicht zu seiner liebenswerten Bescheidenheit passen...

Die Unterstützung durch Herrn Schmidt bedeutet im übrigen nicht, daß er oder seine Bank mit den im folgenden ausgeführten Gedankengängen immer einverstanden sein müßte. Die völlige Freiheit, unabhängig von deren Meinung meine Ideen entwickeln zu können, war vielmehr Teil der vereinbarten Spielregeln zur Entstehung dieses Skripts.

Eingeflossen in das Skript sind wertvolle Impulse meiner verschiedenen Gesprächspartner (Liste siehe Anhang). Zu verantworten habe ich jedoch jeden Satz allein.

Das gilt auch für die Form dieses Skripts &emdash; eine Sammlung von E-Mails aus der Zukunft (näheres dazu in E-Mail 1). Ohne Zweifel ist diese Art, sich über zukünftige Bankenlandschaften Gedanken zu machen, ungewöhnlich und eigenwillig. Doch so sind nun mal die Zeiten.

Und so wünsche ich mir auch meine Leserinnen und Leser: Ungewöhnlich und eigenwillig, vereint >nur< in der gemeinsamen Neugier auf die Zukunft. Ihnen wünsche ich wertvolle Anregungen für Ihren eigenen Gedankenfluß.

Rehetobel, August 1998

Andreas Giger

 

***

 

E-Mails aus der Banken-Zukunft (1):

FROM: Xenia Futura

TO: Zukunfts-Interessierte

DATE: 16. Jul 2010 13:08:01

RE: SUCHERIN auf Bank

 

Liebe Vorgeborenen

>Geld und Geist - die Banken speist' !< ist das Motto auf der Homepage der >Virtual Swiss Banking Academy &emdash; VISBA<, einer der heute weltweit besten Adressen für Intelligenzförderung im Bankwesen. Und damit ist eigentlich schon die Quintessenz meiner Streifzüge durch die heutige Bankenlandschaft geliefert. Doch weil es wie so oft besser ist, das Zusammengefaßte zu kennen, um die Zusammenfassung zu verstehen, werden Sie schon noch etwas mehr lesen müssen...

Genauer gesagt genau 36 E-Mails aus der Zukunft von jeweils rund 100 Zeilen Umfang &emdash; und alles betreffend, was mir an der heutigen Bankenlandschaft, die ja Ihre künftige ist, mitteilenswert erscheint.

Die winzige Lücke im Raum-Zeit-Kontinuum, durch die ein guter Freund von mir diese Botschaften an einen einzigen Computer in Ihrer Zeit schicken kann, bedeutet leider etliche Einschränkungen. So kann ich keine konkreten Informationen wie Zinssätze, Börsenkurse oder Namen übermitteln &emdash; sie würden in den schwarzen Löchern von Zeit-Paradoxa spurlos verschwinden.

Es bleiben genügend Eindrücke von der heutigen Bankenlandschaft übrig, die für Sie von Interesse sein mögen. Und die Beschränkung auf kurze Textminiaturen entspricht einer Tendenz, die schon zu Ihrer Zeit absehbar war und sich fortgesetzt hat: Niemand liest mehr dicke Wälzer.

Etwas müssen Sie noch wissen, um die Beschreibung meiner Streifzüge durch die heutigen Bankenlandschaften richtig genießen zu können: Im letzten Jahrzehnt hat sich nämlich das Verständnis der Rolle der schreibenden Zunft, zu der ich mich zähle, teilweise radikal geändert. Neben die nach wie vor existierende wissenschaftliche und systematischen Art des Schreibens und neben die klassisch journalistische Schreibform hat sich eine neue Rolle gesellt, jene der SUCHERIN. Das steht für >SUbjektive, CHaotische und ERotische INformationsbeschaffung<.

Zum Hintergrund: Der Mythos von der objektiven Information hat sich in den Datenfluten des Internet aufgelöst. Sie erhalten dort zwar jede Menge objektiver Informationen, doch keinerlei Hilfestellung dabei, daraus ein objektives Gesamtbild zu basteln. Das hat zu einer enormen Aufwertung des subjektiven Faktors geführt: Eine unabhängige und souveräne individuelle Perspektive, die bewußt subjektiv Fakten auswählt und zu einem eigenen Gesamtbild verknüpft, ist oft am besten geeignet, neues Wissen zu erwerben, zu lernen, die Phänomene neu zu sehen und zu bewerten.

Wer solche subjektiven Bilder entwickelt, setzt stark auf Intuition. Intuition wiederum ist keineswegs zufällig im Sinne von beliebig, sie basiert vielmehr auf einer fundierten Wissensbasis. Doch die Verarbeitung dieser Informationen erfolgt selten systematisch, sie erscheint vielmehr meistens chaotisch. Und genau diese Art von Chaos ist der beste Nährboden für kreative Ideen.

>Erotische Informationsbeschaffung< schließlich meint ganz einfach, daß bei dieser Tätigkeit nicht das Leiden an ungelösten Fragen die Triebfeder ist, sondern der Spaß und die Lust am Entdecken von Fakten und Zusammenhängen. Wie es Thomas Mann einmal formulierte: >Interesse ist die intellektuelle Form von Liebe !<.

Die Leitfragen, die mich bei meinen Streifzügen durch die (aus Ihrer Sicht !) zukünftigen Bankenlandschaften angetrieben haben, sind folgende: Was tun die Banken heute &emdash; verglichen mit Ihrer Zeit ? Für wen tun sie es ? Wie tun sie es ? Dazu kamen naheliegende Fragen zur Struktur der heutigen Bankenlandschaft: Welche Art von Banken gibt es &emdash; und welche Rolle spielen sie ? Gibt es &emdash; verglichen mit dem Ende des 20. Jahrhunderts, heute ein anderes Verhältnis zwischen Finanzindustrie und Bankgewerbe ? Welche neuen Konkurrenten spielen welche Rolle ?

Keine einfachen Fragen fürwahr &emdash; aber für Sie entscheidende. Ich habe zu ihrer Beantwortung viel gelesen, manches interessante Gespräch geführt und mich natürlich auch bei der heutigen Informationsquelle Nummer eins, dem Internet, umgesehen. Das Ergebnis war im ersten Moment totale Verwirrung: Wo anfangen ? Was ist wichtig ?

Unter dem Stichwort >Bank< fand sich glücklicherweise ein Hinweis darauf, es gebe die Bank auch aus Holz und zum schlichten Sitzen. Zur weiteren Klärung habe ich mich deshalb erst einmal auf die Bank unter meinem Lieblingsbaum zurückgezogen. Von dort melde ich mich bald.

  • Bis dann herzlichst:Ihre Xenia Futura
  •  
  • *****

  •  
  • E-Mails aus der Banken-Zukunft (2):

    FROM: Xenia Futura

    TO: Zukunfts-Interessierte

    DATE: 13. Aug 2010 14:31:57

    RE: Geld und Geist

     

    Liebe Vorgeborenen

    Der Baum von der Gattung Bergahorn ist uralt und wirkt nicht nur auf leicht romantische Gemüter wie mich weise. Er steht allein und exponiert am Abhang eines Hügels, von dem man weit hinaus bis in die Berge blickt.

    In seinem Schatten findet sich meine Lieblingsbank. Ihr roter Lack ist etwas zerschlissen, Zeugnis davon, daß viele Menschen diesen Platz lieben. Er lädt ein zum beschaulichen Auftanken von Leib und Seele.

    Im Moment sitze ich alleine hier. Wie so oft wird an diesem Ort der kreative Fluß meiner Gedanken angeregt. Diese Bank ist der ideale Platz zum Philosophieren. Und weit weg vom hektischen Getriebe in der anderen Bankwelt, jener der großen und kleinen Geldströme.

    Und dennoch gibt es einen Zusammenhang. Die Geld-Bank wurde tatsächlich auf einer Bank aus Holz geboren, als in den Renaissancestädten der Lombardei die Geldverleiher ihre Geschäfte an diesem praktischen Ort betrieben. Und wenn sie pleite waren, wurde die Holzbank zerbrochen - banca rotta - die Wurzel des Begriffs Bankrott.

    Seither haben sich die beiden Welten offenkundig weit auseinanderentwickelt: Hier die Sitzbank als Symbol für kontemplatives philosophisches Denken, dort die Geldbank, in der die harten Gesetze der materiellen Welt herrschen.

    Neben mir liegt das Buch, von dem ich den Titel für meine Ausführungen geklaut habe: >Geld und Geist<. Geschrieben wurde es vor rund hundertfünfzig Jahren, also vermutlich etwa zu der Zeit, als mein Baum ein ganz junger Spucht war. Autor war Jeremias Gotthelf, was ein Pseudonym für einen Pfarrer im Schweizer Voralpenland war.

    Geld und Geist sind in dieser meisterhaften Erzählung das, was sie für einen senkrechten Pfarrer unvermeidlich zu sein hatten: schroffe Gegensätze. Es geht dabei nicht um eine Verdammung des Geldes an sich - die Helden in "Geld und Geist" gehören zu einer wohlhabenden Bauernfamilie - sondern darum, daß im Konfliktfall die Parteinahme zugunsten des Geldes schwere Schäden an Geist und Seele verursacht.

    Vorbilder für diese Botschaft gibt es in der Bibel genug, die Geschichte vom Tanz um das goldene Kalb etwa oder die Vertreibung der Geldwechsler aus dem Tempel.

    Auch wenn später die Vorschläge für die Regelung von Konflikten zwischen Geld und Geist weniger radikal wurden, bestand über eines nie ein Zweifel: Geld und Geist, das sind zwei völlig verschiedene und getrennte Welten, die am besten möglich wenig miteinander zu tun haben.

    Womit Sie sich vermutlich die Frage stellen, warum ausgerechnet ich, ein Mensch mit einer klaren Verwurzelung im Bereich des Geistes, dazu geeignet sein soll, über die ganz andere Welt des Geldes zu schreiben. Oder kürzer: Wie kommt die Philosophin zum Thema Banken ? Weil - und diesem Hauptgedanken wird das vor Ihnen liegende Scriptum futurum als rotem Faden folgen - die Bankenlandschaften des 21. Jahrhunderts entscheidend von einem neuen Verhältnis zwischen Geld und Geist geprägt sein werden.

    Das ist alles andere als esoterisch gemeint. Es geht vielmehr um eine handfeste Tatsache, die schon in Ihrer Zeit völlig unübersehbar war: Geld, ursprünglich einmal das Symbol für harte Materie, verflüchtigt sich immer mehr in die unsichtbaren und unfaßbaren Weiten reiner Information. Aus Münzen wurden Daten in einem Computer, aus Geldscheinen Informationen, die über Leitungen ausgetauscht werden. Kurzum: Aus Geld wurde Geist.

    Diese Entwicklung ist noch keineswegs zu Ende, sie geht im Gegenteil beschleunigt weiter. Das hat Konsequenzen. Und genau um diese Auswirkungen eines gewandelten Verhältnisses zwischen Geld und Geist auf die Bankenwelt geht es in diesem Skript.

    Der erste Schritt dafür besteht in einem gewandelten Verständnis dieses Verhältnisses. Sind Geld und Geist wirklich schroffe Gegensätze ? Was bedeutet es, wenn es Geld in einer mit den Sinnen faßbaren Form bald gar nicht mehr gibt ?

    Was sehr wohl Themata für philosophisches Denken sein können. Wofür Sie hoffentlich in den folgenden E-Mails den Beweis finden werden.

    Bis dann herzlichst:

    Ihre Xenia Futura

  •  
  • *****

     

    E-Mails aus der Banken-Zukunft (3):

    FROM: Xenia Futura

    TO: Zukunfts-Interessierte

    DATE: 20. Aug 2010 11:07:42

    RE: Geistesblitz Geld

     

    Liebe Vorgeborenen

    Ich ertappe mich dabei, wie meine Gedanken schon wieder in die Vergangenheit schweifen, obwohl ich doch eigentlich die Zukunft der Banken beschreiben soll &emdash; jedenfalls aus Ihrer Sicht. Aber ich tröste mich damit, daß mein Freund, der Zukunftsforscher, immer wieder die berechtigte Frage stellt: >Wie soll jemand, der keine Ahnung von der Vergangenheit hat, je die Zukunft verstehen ?<

    Und weil die Banken nach einer weit verbreiteten Definition nun mal mit Geld handeln, lohnt sich ein Blick zurück auf die Vergangenheit dieses Gutes.

    Schon versuche ich mir vorzustellen, wie das wohl mit dem Geld war, als mein Lieblingsbaum, unter dem ich schon wieder sitze, gerade mal sproß, also etwa Mitte des 19.Jahrhunderts. Die Schweiz (zu der das umliegende Land hier gehört) hatte im Zuge der Bildung eines modernen Bundesstaates damals gerade eine einheitliche Währung eingeführt &emdash; vorher gab es mehr gültige Währungen als Kantone, und das will was heißen...

    Geld jedenfalls gab es damals immer noch nur in Form von Münzen. Was bedeutete, daß die Menge von Metall in Münzenform, die man besaß, direkte Aussagen über den materiellen Wohlstand ermöglichten: Arme hatten höchstens ein paar einzelne Münzen, Wohlhabende einen großen Beutel voll, Reiche eine ganze Kiste. Wer einen Haufen Geld besaß, konnte ihn sehen und anfassen. Geld war noch reine Materie.

    Was natürlich nicht stimmt. Denn Geld war immer schon Geist, und dabei das Ergebnis eines echten Geistesblitzes.

    Ich stelle mir das so vor: Als irgendwann ein cleverer Pfahlbauer, der Angelruten herstellte, von seinen Kunden als Tauschware wieder nur Fisch angeboten bekam, obwohl ihm schon beim Gedanken an Fisch übel wurde, kam er auf eine Idee: >Warum soll ich mir nicht statt Fisch ein Symbol geben lassen, das es mir erlaubt, das dann gegen Fisch einzutauschen, wenn ich wieder Appetit darauf habe ?<

    Und sein geistiger Höhenflug ging weiter:> Wenn dieses Symbol allgemeine Gültigkeit hätte, könnte ich mir dafür nicht nur Fisch, sondern auch Fleisch und Felle eintauschen ! Das braucht dann keinen komplizierten Ringtausch mit mühsamer Schlepperei der Güter mehr. Das Prinzip des Tauschhandels bleibt, aber weil es für den Wert der einzelnen Güter einen universalen Maßstab gibt, kann der Handel in Raum und Zeit enorm ausgedehnt werden.<

    Der Junge hatte recht, und sein Geistesblitz hat sich mit den geahnten Konsequenzen durchgesetzt. Geld ist eine der genialsten Erfindungen der Menschheit. Und die Grundform der kleinen Stücke aus seltenen Metallen hat sich während Jahrtausenden bewährt.

    Doch weil sowohl die Bequemlichkeit als auch der Geldbedarf der Menschheit keine Grenzen kennen, wurde im 19. Jahrhundert dann auch das Papiergeld erfunden. Das Prinzip desselbigen steht in Goethes Faust 2 in Reimen beschrieben:

    Kanzler liest:

    >Zu wissen sei es jedem, der's begehrt:

    Der Zettel hier ist tausend Kronen wert.

    Ihm liegt gesichert, als gewisses Pfand,

    Unzahl vergrabnen Guts im Kaiserland.

    Nun ist gesorgt, damit der reiche Schatz,

    Sogleich gehoben diene zum Ersatz.<

    Plötzlich war ordinäres Papier Geld wert, womit sich eine Prophezeiung von Aristoteles bewahrheitete : >Geld ist alles, was Geld wert hat.< Deshalb können auch elektromagnetische Ladungen auf einem Speicherchip Geld sein. Womit dieses allerdings völlig unsichtbar wird: Die Plastikkarte, die Zugang zu einem Millionenkonto verschafft, ist genau gleich groß wie jene, die nur ein paar Hunderter verwaltet.

    Damit paßt jetzt die äußere Form zur inneren Verfassung. Denn was ist Geld anderes als die Gewißheit, mir in Zukunft dafür das erwerben zu können, was mir etwas wert ist ? Gewißheit aber gibt es in Sachen Zukunft nie, höchstens Glauben, Imagination.

    Dealen Banken also mit nichts anderem als Erwartungen, Hoffnungen, Imaginationen ? Sind sie reine Traumtänzer, Abenteurer in entlegenen Gegenden des Reiches reinen Geistes ? Mehr dazu dem nächst von dieser Bank...

    Bis dann herzlichst:Ihre Xenia Futura

     

    *****

     

    E-Mails aus der Banken-Zukunft (4):

    FROM: Xenia Futura

    TO: Zukunfts-Interessierte

    DATE: 20. Aug 2010 14:16:12

    RE: Maßstab aller Dinge ?

     

    Liebe Vorgeborenen

    Wenn Gotthelf (Sie erinnern sich: der schreibende Pfarrer und Autor von >Geld und Geist<) heute zu Beginn des dritten Jahrtausends leben würde statt in der Mitte des 19. Jahrhunderts, er wäre wohl ob des Zustands der Welt entsetzt. Es müßte ihm vorkommen, als hätte das Geld endgültig über den Geist gesiegt.

    Sie finden das übertrieben ? Nun, Gotthelf würde vielleicht sagen, der Tanz um das goldene Kalb sei universal geworden. Ja, das goldene Kalb hätte die Stelle des Heiligen Geistes eingenommen.

    Belege für eine solche These fände er genug. Der Heilige Geist weht bekanntlich, wo er will. Und ist das nicht ein wunderbar passendes Bild für die ungehemmt über den ganzen Globus schwappenden Geldströme, die ja im Grunde nichts anderes sind als flüchtig durch die Lüfte schwebende Datenströme ?

    Oder nehmen Sie die Maxime >Geld regiert die Welt !<, die in einem früher unvorstellbaren Maße Realität geworden ist. Alles und jedes wird heute in Geld gemessen und gewertet. Ein schönes Beispiel dafür ist der Sport, vor einigen Jahrzehnten noch eine reine Liebhaberei, bei der Geld allenfalls für den Pausentee gebraucht wurde, und heute eine riesige Geldmaschine.

    Und auch die zwischen Pracht und Protz oszillierenden Bankenpaläste des späteren 19. und des ganzen 20. Jahrhunderts hätte Gotthelf wohl eher als sakrale Kathedralen empfunden denn als nüchterne Geldspeicher, als eigentliche Tempel des Geldes. Nehmen Sie die Achtziger Jahre Ihres Jahrhunderts: Hat da die Realisierung des Grundsatzes >Am Gelde hängt's, zum Gelde drängt's !< nicht beinahe religiöse Züge angenommen ?

    Warum dem so ist, hätte Gotthelf vermutlich auch herausgefunden: Es war seit dem Moment des Geistesblitzes der Erfindung des Geldes unvermeidlich, der Flächenbrand war einprogrammiert, und zwar ganz einfach, weil Geld von Anfang an Geist war.

    Geld kann man nämlich nur vordergründig besitzen. Gräbt man tiefer, kommt man unweigerlich zur Überzeugung, an Geld könne man eigentlich nur glauben. Der Geldbesitzer glaubt, er könne sich dafür jederzeit etwas kaufen. Der Aktienkäufer glaubt an sinkende Zinsen und steigende Gewinne. Und der Gläubiger glaubt, daß der Schuldner seine Schuld zurückzahlen wird &emdash; hier ist der Zusammenhang schon im Wort >Gläubiger< offenkundig.

    In einer Welt nun, in welcher der Glaube an eine jenseitige bessere Zukunft weitgehend geschwunden ist, sucht das offenbar untrennbar mit dem Menschen verbundene Bedürfnis , an ein besseres Morgen glauben zu können, in diesseitigen Anlagestrategien Erfüllung...

    Dazu hätte Gotthelf vermutlich mit Recht angemerkt, es käme nie gut, wenn man die Ebenen durcheinanderbringe d und dergestalt das Geld mit dem heiligen Geist verwechsle. In der Tat haben die in jeder Beziehung etwas überhitzten letzten Dekaden Ihres Jahrhunderts eine Menge Dampf produziert, die den klaren Blick auf das Wesentliche getrübt haben.

    Heute ist wieder etwas mehr Nüchternheit eingekehrt. Es wird allgemein akzeptiert, daß Geld allein weder unglücklich noch glücklich macht. Wir sind auch daran zu lernen, daß es Bereiche im menschlichen Zusammenleben und Austausch gibt, die sich nicht in Geld bemessen lassen, Gefühle etwa, Zuwendung.

    Geld ist also nicht mehr der Maßstab aller Dinge, doch ändert das nichts daran, daß Geld sozusagen das einzige verbliebene universale Kommunikationsmedium ist, eine Sprache, die von jeder Frau und jedem Mann auf dieser Welt verstanden wird.

    Jedenfalls zum Teil und soweit es für den täglichen Gebrauch nötig ist. Denn wirklich bis ins letzte Detail verstehen kann dieses ungeheuer komplexe System des heutigen Finanzwesens, in dem alles mit allem verhängt ist und sich kleine Störungen in einem Winkel der Welt in riesiger Eigendynamik sofort auf das Ganze auswirken können, wohl niemand mehr.

    Und das ist auch gut so, sonst würden wir wohl den Glauben daran verlieren. Denn auch wenn das Geld seine Funktion als Ersatzreligion allmählich verliert &emdash; ein magischer Stoff bleibt das, womit die Banken handeln, allemal.

    In diesem Sinne herzlichst

    Ihre Xenia Futura

     

    *****

     

    E-Mails aus der Banken-Zukunft (5):

    FROM: Xenia Futura

    TO: Zukunfts-Interessierte

    DATE: 24. Aug 2010 11:38:21

    RE: Was tut die eigentlich ?

     

    Liebe Vorgeborenen

    Es möchte ja sein, daß Sie sich bei der bisherigen Lektüre mal gefragt haben: >Was tut die eigentlich ? Weshalb philosophiert sie des langen und breiten über Geld statt endlich zur Zukunft der Banken zu kommen ?<

    Nun, das kann ich Ihnen erklären. Ich möchte Ihnen nämlich nicht einfach eine zufällige Momentaufnahme des Bankwesens im Jahre 2010 liefern, sondern Ihnen einen Einblick in die Dynamik des Wandels ermöglichen. Mein Thema sind also die evolutionären Entwicklungsströme im Finanzsektor.

    Um diese Veränderungsprozesse zu verstehen, genügt es nicht, sie einfach zu beschreiben. Vielmehr geht es mir um die zentrale Frage: Was treibt diese Prozesse an ? Welche Faktoren bewirken die Dynamik im Wandel der Bankenlandschaft ? Wodurch wird dieser Wandel, wie es im Englischen so schön heißt, >driven< ?

    Antworten auf diese Frage gab es natürlich schon zu Ihrer Zeit reichlich, und eine besonders beliebte hieß >Technologie<. Darüber, daß die Veränderungsprozesse im Bankenbereich >technology driven< seien, war man sich allgemein einig, es gab höchstens abweichende Meinungen in der Frage, ob es sich dabei, das heißt natürlich primär bei der Informationstechnologie, wirklich um den einzigen Wirkfaktor handle.

    Selbstverständlich war diese Auffassung nicht falsch. Bloß tickt mein Gehirn nun mal so, daß es mich gerade dann, wenn so große Einigkeit herrscht, am meisten interessiert, ob dahinter nicht doch noch etwas anderes stecken könnte, ein größeres, umfassenderes Phänomen, das den Bankenwandel antreibt.

    Um das herauszufinden, muß ich wiederum erst einmal wissen, worum es bei der Tätigkeit der Banken eigentlich geht. Das heißt, ich stelle mir eine Bank vor und frage dann genau wie Sie eben: >Was tut die eigentlich ?<

    Im Falle einer Bank weiß jedes Kind, was sie tut &emdash; sollte man meinen. Doch dem ist nicht so, wie ich neulich beim Gespräch mit einer durchaus hellen Achtzehnjährigen gemerkt habe, wunderte sie sich doch baff darüber, daß auch Banken pleite und damit Spareinlagen hops gehen können. In diesem Bild sind Banken nach wie vor ein wundersamer Hort des Geldes, unverständlich, nach magischen Gesetzen funktionierend und deshalb unverwundbar.

    Man kann sich natürlich nach der Tauglichkeit eines Bildungssystems fragen, daß solches >Wissen< produziert, aber das wäre eine abendfüllende andere Geschichte. Fest steht jedenfalls, daß die Frage danach, was Banken eigentlich tun, ihren Sinn hat.

    Sie ist übrigens immer sinnvoll. Nehmen Sie als Beispiel eine Erdölfirma, die Bohrinseln betreibt. Versteift sie sich darauf, im Ölgeschäft tätig zu sein, wird es sie in hundert Jahren vermutlich nicht mehr geben. Sieht sie sich jedoch als Akteurin im Energiegeschäft, hat sie große Chancen bei den aufkommenden Windkraftwerken im Meer vor der Küste.

    Deshalb frage ich bei jeder Branche, mit der ich mich näher beschäftige, erst einmal ganz naiv danach, was die eigentlich treiben. Und die einfachste Antwort darauf ist im Falle der Banken: Eine Bank handelt mit Geld. Sie bringt Verkäufer und Käufer von Geld zusammen und lebt von den Handelserträgen.

    Nur: Geld ist eben alles andere als eine gewöhnliche Handelsware. Es gab in Ihrer Zeit in der Schweiz und anderswo die schmerzliche Aufarbeitung der Geschichte um Raub- und Totengold des Naziregimes. Damals waren noch die sprichwörtlichen >Gnome von Zürich< in ihren unterirdischen Höhlen tätig. Doch schon damals war dem eingeschmolzenen Gold nicht mehr anzusehen, woher es kam. Gold war zwar noch Materie, aber auch schon reiner Informationsträger.

    Schon zu Ihren Zeiten und noch verstärkt heute ist Geld (fast) nur noch reiner Informationsträger. Das heißt: Die Banken handeln mit Daten, mit Informationen. Und zwar in einem universalen Kommunikationsmedium, das überall und von allen verstanden wird.

    Das hat Konsequenzen für die Veränderungen in dem, was die Banken tun und wie sie es tun, wie sie ihre Strukturen und Prozesse organisieren und woher die Konkurrenz droht. Und nicht zu vergessen, womit sie ihr Geld verdienen.

    Mehr zum Wertschöpfungsfaktor Wissen in Bälde von

    Ihrer Xenia Futura

     

    *****

     

    E-Mails aus der Banken-Zukunft (6):

    FROM: Xenia Futura

    TO: Zukunfts-Interessierte

    DATE: 24. Aug 2010 13:06:56

    RE: Wissen ist Geld

     

    Liebe Vorgeborenen

    Ich muß noch ein kleines Mädchen gewesen sein, als mein Fahrrad einmal eine kleinere Reparatur beim Fachmann brauchte. Als ich mich über die in meinen Augen hohe Rechnung dafür wunderte, erklärte mir mein Vater die Grundzüge des Wirtschaftens:

    >Der kleinste Teil der Rechnung ist für das Material, ein etwas größerer für die aufgewendete Zeit. Beides hätten wir zur Not auch selber auftreiben können. Der größte Teil aber wird verrechnet für das Gewußt wie. Und das hat eben nur der Fachmann.<

    Die Lektion saß: Wissen ist Geld &emdash; wenn es einigermaßen exklusiv ist. Das gilt auch und ganz besonders für den Handel: Jeder Händler lebt davon zu wissen, wo es das beste Angebot und die stärkste Nachfrage gibt und wie man beides zusammenbringt.

    Beim Handel mit Geld ist es nicht anders. Solange die Geldwirtschaft spärlich und kleinräumig blieb, brauchte es keine Banken, weil Investoren und Kreditnehmer direkt zusammen fanden. Erst in sich ausweitenden Märkten verliert der einzelne Laie den Überblick und ist darauf angewiesen, daß jemand professionell dieses Marktwissen erwirbt und für die Kunden umsetzt.

    Dafür brauchte es die Banken, und je globaler und komplexer die Finanzmärkte wurden, desto mehr professionelles Wissen brauchte es, um darin erfolgreich zu bestehen. Und weil nur die Banken dieses Wissen akkumulieren konnten, wurde ihre Rolle immer gewichtiger.

    Das muß nicht immer so weitergehen. Im Gegenteil: Als Gedankenexperiment ist sogar eine Welt denkbar, die völlig ohne Banken auskommt. Alle Daten, die zu beschaffen früher nur mit großem Aufwand möglich war, sind heute via Internet öffentlich zugänglich. Und die Technologien der Datenverarbeitung, die nötig sind, um daraus relevante Informationen zu gewinnen, werden immer billiger und immer breiter zugänglich, so daß der Moment abzusehen ist, in dem jede und jeder sich genügend Informationen beschaffen kann, um ihre oder seine Finanzen selber erfolgreich zu managen.

    Zugegeben, es steckt ein Denkfehler in diesem Gedankenexperiment. Wir haben nämlich in den letzten Zeilen die Begriffe >Daten<, >Informationen< und >Wissen< wild durcheinander geschmissen, ohne zu differenzieren. Und das ist sträflicher intellektueller Leichtsinn.

    Die drei Begriffe sind nämlich mitnichten beliebig austauschbar, sie stehen vielmehr in einer hierarchischen Beziehung zueinander:

    Zuunterst sind die einzelnen Daten, also etwa die Zahlen der Aus- und Eingänge eines Kontos. Informationen sind verknüpfte Daten, also etwa der Saldo oder die Verbindung des Kontos zu einer Kundenadresse.

    Wissen wiederum verknüpft einzelne Informationen zu einem umfassenderen Bild. Und ganz zuoberst in dieser Hierarchie gäbe es so etwas wie Weisheit, die wiederum verschiedene Formen von Wissen miteinander verknüpft. Doch das wiederum wäre ein (zu) weites Feld...

    Für den Moment reicht es völlig zu wissen, daß Wissen mehr ist als Information &emdash; und etwas qualitativ anderes. Die Information etwa, die Währung von Hinterturkistan sei am zusammenbrechen, ist allen zugänglich. Um damit etwas anfangen zu können, muß man auch wissen, was sie bedeutet. Das wiederum setzt eine Menge Vorwissen voraus: Wissen entsteht immer nur auf der Basis von Wissen.

    Wissen kann auch intuitiv sein, das heißt, es gründet sich dann auf einer Menge Informationen und Erfahrungen, die dem Bewußtsein nicht mal zugänglich sein müssen und dennoch gültiges Wissen schaffen.

    Das bedeutet aber auch: Informationen lassen sich in Computern speichern und verarbeiten. Wissen braucht als Träger den Menschen und seine Organisationen.

    Tatsächlich sind die heutigen Finanzmärkte weitgehend transparent &emdash; auf der Ebene der Daten und Informationen. Das ändert nichts daran, daß es nach wie vor sehr aufwendig ist, das zum erfolgreichen Agieren nötige Wissen zu schaffen. Dafür braucht es nach wie vor spezialisierte Menschen und Institutionen.

    Die Abschaffung der Banken ist also nicht in Sicht. Aber wir haben den entscheidenden Wandlungsfaktor gefunden: Die Veränderungsprozesse im Bankwesen sind >knowledge driven<. Womit wir unsere nächste Frage haben: Was heißt das ?

    Bis bald: Xenia Futura

     

    *****

     

    E-Mails aus der Banken-Zukunft (7):

    FROM: Xenia Futura

    TO: Zukunfts-Interessierte

    DATE: 15. Sep 2010 07:08:33

    RE: Die wahren Esoteriker ?

     

    Liebe Vorgeborenen

    Zu Ihrer Zeit (woran ich mich nicht mehr selber erinnere, kann ich jederzeit in Archiven nachlesen...) gab es für etliche Neulinge an der Börse ein neues Wort zu lernen: "volatil", was für flüchtige, flatterhafte und vor allem unberechenbare Kursentwicklungen stand. Nachdem es für die Kurse ein Weilchen nur die eine berechenbare Richtung nach oben gegeben hatte, schwankten nun die Indices manchmal an einem Tag ein paar Prozente rauf und runter.

    Kurzum, die Börse spielte verrückt. Ereignisse wie der Sexskandal des amerikanischen Präsidenten, die nun wirklich keinen direkten Einfluß auf die Wirtschaft hatten (vielleicht mit Ausnahme einer gewissen Ankurbelung des Absatzes von Zigarren...) verursachten Panik. Und während die jahrelange Schwäche der japanischen Wirtschaft, die immerhin einen erklecklichen Anteil an der Weltwirtschaft hat, niemanden zu stören schien, bewirkte die Krise in Rußland, das von ungleich geringerer ökonomischer Bedeutung ist, eine veritable Börsengrippe.

    Das hinderte ganze Heerscharen von smart wirken wollenden Bankexperten nicht daran, im Brustton der Überzeugung unverrückbare Wahrheiten über den weiteren Verlauf der Kurse zum besten zu geben. Womit sie zeigten, daß sie begriffen hatten, was im Finanzsektor Mehrwert schafft: Wissen.

    In meiner letzten E-Mail habe ich den roten Faden bezeichnet, der meine künftigen Streifzüge durch die Bankenlandschaften leiten wird: der Faktor Wissen als entscheidender Veränderungsagent. Wenn wir verstehen wollen, wie sich die Bankenlandschaften verändern, so meine These, dann müssen wir fragen, welches Wissen in welchem Bankensektor gefragt ist, wie sich dieses Wissen verändert und welche Konsequenzen diese Veränderungen auf die Banken haben. Und bei dieser Suche nach Veränderungen im wertschöpfenden Wissen werden wir nach Inhalt, Form und Entstehungsprozessen des jeweiligen Wissens zu fragen haben.

    Bevor wir jedoch unsere Schritte in diese vielversprechende Fährte setzen, sollten wir uns die Zeit für einen kleinen besinnlichen Zwischenhalt nehmen, in dem wir uns fragen, was "Wissen" in diesem Zusammenhang eigentlich bedeutet.

    Die Börsen-"Profis", die mit ihrem sogenannten Wissen oft genauso weit daneben liegen wie blutige Laien, sind ja keineswegs die einzigen, die Wissen vorgaukeln, wo keines ist. Genau vor zwölf Jahren konnte man im SPIEGEL von den vielen Beratern lesen, die in Rußland und Südostasien ihre Rezepte verkündet hatten, als seien es ewige Wahrheiten. Die Ergebnisse sind bekannt.

    In meinem eigenen Land, der Schweiz, gab es ebenfalls Beispiele zu Hauf. Die Konjunkturprognosen auch der bankeneigenen Experten lagen in den letzten Jahren vor Ihrer Zeit fast immer mächtig daneben. Und als eine Großbank realisierte, daß ihr das Spezialwissen auf einem der neuen Derivatefelder fehlte, kaufte sie kurzerhand ein ganzes Expertenteam ein. Ergebnis: ein paar hundert Millionen Verlust...Von den Milliarden an Volksvermögen, die sich in den Jahren davor allein in diesem Land wegen Fehleinschätzungen des Immobilienmarktes in Luft auflösten, wollen wir gar nicht reden.

    Nun verstehe ich zwar herzlich wenig von Finanzwissenschaften, aber eines ist mir klar: Die global vernetzten Geldströme bilden ein hochgradig komplexes chaotisches System, vergleichbar vielleicht nur mit den globalen Luftströmungen, die unser Wetter bilden. Bekanntlich genügen dort winzige Ursachen, um große Wirkungen zu erzielen, und weil es schlichterdings unmöglich ist, das alles im Auge zu behalten, sind trotz bester Computer längerfristige Prognosen unmöglich.

    Wer also behauptet, egal ob beim Wetter oder beim Geld, er gehöre zu den Eingeweihten, die im Besitze geheimen esoterischen Wissens seien, lügt entweder bewußt oder hat nichts begriffen. Wissen - im Sinne von Gewißheit - ist auf dem Feld, in dem sich die Banken tummeln, nicht möglich. Was niemanden daran hindern darf und soll, nach der bestmöglichen Annäherung an Wissen zu streben.

    Dabei hilft die Tugend, die Sokrates zu seiner unvergleichlichen Weisheit verhalf: "Ich weiß, daß ich nicht weiß." Man nennt sie Bescheidenheit.

    Gleich mehr dazu von Ihrer Xenia Futura

     

    *****

     

    E-Mails aus der Banken-Zukunft (8):

    FROM: Xenia Futura

    TO: Zukunfts-Interessierte

    DATE: 15. Sep 2010 08:25:27

    RE: Allmachtsphantasien

     

    Liebe Vorgeborenen

    Hätte man Ihrer Zeit eine Privatdedektivin losgeschickt, sich auf die Suche nach dem Verbleib der schönen alten Tugend namens Bescheidenheit zu machen, und hätte diese ihre Suche ausgerechnet bei den Banken begonnen: Sie wäre für verrückt erklärt worden und ihren Auftrag schnell wieder los gewesen.

    Ich bitte Sie: Banken und Bescheidenheit... In Frankfurt konnte jedermann über Jahre hinweg den Wettstreit der Banken darum verfolgen, wer den größeren (Turm natürlich) hat. Und noch in den kleinsten Käffern entstanden Bankbauten, denen das Hauptmotiv ihrer Entstehung anzusehen war: protzen...

    Unvergessen bis heute bleibt auch die berüchtigte Wortwahl eines Spitzenbankers zu den Verlusten im Schneider-Debakel: peanuts. Daß dies zu einem Aufschrei der Empörung führte, lag nicht an den Fakten - im Grunde sind alle froh, daß eine Bank auch solche Verluste verkraftet. Es lag vielmehr am geradezu abenteuerlichen Mangel an Sensibilität für die Situation ihrer "Kleinkunden", für welche die Summen, um die es ging, existentielle Bedeutung haben.

    So kann es nicht wundern, daß die Banken lange Zeit als die Verkörperung der Arroganz der Macht galten. Und manche von ihnen taten gerade in Ihrer Zeit alles, um diesen Eindruck noch zu verfestigen.

    Da gab es zum Beispiel ein Zauberwort namens "Allfinanz". Gemeint war damit die Idee, alles, was mit Finanzen zu tun hat, also primär Banken und Versicherungen, unter einem Dach zu vereinen. Nun mag es ja durchaus sinnvoll sein, daß eine Bank auch Lebensversicherungen verkauft und man umgekehrt vom Versicherer auch Vermögensberatung bekommt. In einigen Fällen funktioniert das heutzutage ganz gut, wenn auch die Schwierigkeiten, die doch sehr verschiedenen Mentalitäten von Bankern und Versicherern zu integrieren, gewaltig unterschätzt wurden, weshalb sich das Prinzip nicht flächendeckend durchgesetzt hat.

    Entscheidender als die Idee war für mich auch hier die Wortwahl. Ich konnte mir nicht helfen, aber das Wort Allfinanz erinnerte mich verdächtig an Allmacht.

    Desselben Geistes Kind war letzten Endes auch der Anspruch, eine "Universalbank" sein zu wollen. Es mochte ja sinnvoll sein, möglichst das ganze Spektrum von Bankdienstleistungen abzudecken, doch der Anspruch auf Universalität, darauf, überall alles zu können, hatte auch einen entschiedenen Anflug von Hybris.

    Oder nehmen wir in Ihrer Zeit die Bankfusionen, die mit der Begründung erfolgten, man wolle zum "global Player" werden. Auch in diesem Anspruch steckte sicher Rationalität: Derjenige Teil der Wirtschaft, der tatsächlich global tätig ist, braucht globale Banken, und dabei spielt Größe eine nicht zu unterschätzende Rolle. Das Fatale daran war nur, daß viele Leute den Eindruck nicht ganz los wurden, es stecke dahinter die verquere Logik des "more of the same is better". Und die ist meist untrennbar mit Allmachtsphantasien verbunden.

    Verstehen Sie mich bitte recht: Ich will keineswegs alle Banken und alle darin tätigen Menschen verdächtigen, sie hegten und pflegten arrogante Allmachtsphantasien. Es ist nur so, daß die Situation der Bankerinnen und Banker dazu offenbar besonders leicht verführt. Der Stoff, mit dem sie dealen, wird nicht umsonst als der Blutkreislauf der Wirtschaft bezeichnet. Wer am Geldhahn sitzt, hat Macht, und die hat immer etwas verführerisches.

    Nun ist Macht auch sexy, und eine Prise Allmachtsphantasien würzt das Lebensspiel. Hybris besteht nicht darin wie Odysseus dem betörenden Klang der Sirenen lauschen zu wollen, sondern den Strick zu vergessen, der ihn am Mastbaum festhält, denn dann wird es gefährlich. Die geronnene Volksweisheit weiß es: Hochmut kommt vor dem Fall.

    Das Seil, das davor bewahrt, heißt Bescheidenheit. Dessen ist sich die heutige Bankenwelt bewußter denn je, es gibt schon erfolgreiche Bankkongresse zu diesem Thema. Und ob Sie es glauben oder nicht: Es gab schon zu Ihrer Zeit ein paar nachdenkliche Bankiers, die dieses Wort glaubhaft im Munde führten. Sie waren damit, ohne es zu wissen, Pioniere einer der wichtigsten Entwicklungen der letzten Dekade im Bankwesen: Macht und Grenzen des eigenen Wissens zu erkennen.

     

    Bis demnächst: Xenia Futura

    E-Mails aus der Banken-Zukunft (9):

    FROM: Xenia Futura

    TO: Zukunfts-Interessierte

    DATE: 15. Sep 2010 10:22:32

    RE: Kundenorientierung

     

    Liebe Vorgeborenen

     

    Bei Streifzügen durch geistige Landschaften lohnt es sich gelegentlich, sich die Zeit für eine kleine Zwischenbilanz zu nehmen: Wir haben herausgefunden, daß der entscheidende Faktor, der den Wandel der Bankenwelt vorantreibt, Wissen ist - und eine geistige Haltung, welche die Begrenztheit dieses Wissens mit aller gebotenen Bescheidenheit bewußt akzeptiert. Damit haben wir nun den Kopf frei für die Frage, auf welches Wissen es vor allem ankommt, wenn sich eine Bank auf eine gedeihliche Zukunft ausrichten will.

    Nun mögen Sie einwenden, das sei eine müßige Frage, weil eine erfolgreiche Bank ganz offensichtlich über verschiedenste Arten von Wissen verfügen muß, vom Wissen über politische und juristische Rahmenbedingungen in bestimmten Ländern bis hin zum Wissen, wie man die Möglichkeiten der modernen Informationstechnologie am besten nutzt. So richtig das ist, so wichtig bleibt die Entscheidung darüber, womit wir anfangen. Das ist keineswegs beliebig, denn bei jeder geistigen Wanderung bestimmt der Ausgangspunkt die folgende Route entscheidend mit.

    Mein Vorschlag lautet: Im Mittelpunkt muß das Wissen über die Kunden stehen. Das ist streng marktwirtschaftlich gedacht: Die Nachfrage bestimmt das Angebot. Natürlich wäre es naiv, an die umfassende Gültigkeit dieser reinen Lehre zu glauben. Daß der Kunde König sei, kommt auch heute manchen oft genug nur wie ein schlechter Witz vor, nicht nur bei den Banken. Doch es schleckt keine Geiß die Tatsache weg, wie wir hierzulande sagen, daß zwar eine Bank ohne eigene Länderspezialisten denkbar ist und auch eine ohne eigene Informationstechnologie, aber keine Bank ohne Kunden.

    Daß es die Kunden sind, welche die Gehälter der Angestellten und die Gewinne der Aktionäre bezahlen, ist so banal und selbstverständlich, daß es Ihnen eigentlich verdächtig vorkommen müßte, daß so viele Banken so hehre Schlagworte wie "Kundenorientierung" so oft plakatieren müssen. Wer über Selbstverständliches redet statt es einfach zu tun, zeigt in der Regel, daß es ihm so selbstverständlich denn doch nicht ist.

    Bankmenschen, deren Denken sich ständig und ausschließlich um die Kunden dreht - das gibt es natürlich nur im Wirtschaftsmärchen. Dennoch fällt mir, wenn ich in Meinungsäußerungen zur Bankenzukunft aus Ihrer Zeit blättere, auf, daß es da zwar ein intensives und auch lustvolles Denken gab, und zwar zu allen möglichen Themen rund um die Banken, doch von den Kunden war herzlich wenig die Rede. Das Gerede von Kundenorientierung wirkte in diesem Zusammenhang eher wie ein Zückerchen, das man den Kunden nicht vorenthalten konnte, oder noch besser wie ein Stückchen Sacharin: künstlich und aufgesetzt.

    Die Adressaten merkten das natürlich. Sie nannten nämlich die Leute von der Bank nach wie vor oft genug nicht etwa "Banker", wie die das selber taten, um den Anspruch auf die Rolle des dynamischen marktwirtschaftlichen Vorreiters zu beanspruchen, sondern schlicht "Bankbeamte", was zwar für manchen Betroffenen den Tatbestand der Beleidigung erfüllte, aber offenbar ein Körnchen Wahrheit enthielt. Kunden, die sich wirklich als Könige fühlen, hätten wohl kaum eine Bezeichnung gewählt, die ihnen nur die undankbare Rolle des Bittstellers bei der Obrigkeit übrig ließ.

    Mit der Kundenorientierung der Banken konnte es also zu Ihrer Zeit nicht allzu gut bestellt sein, selbstverständlich existierende Ausnahmen ausgeschlossen. Und genau diese Ausnahmen haben die Entwicklung vorangetrieben, denn wo die Kunden nicht nur davon träumen müssen, mit ihren Wünschen und Erwartungen ernst genommen zu werden, sondern dies leibhaftig erleben können, wächst natürlich der Selektionsdruck auf die übrigen.

    Was einer weiteren Binsenwahrheit zum Durchbruch verhalf: Kundenorientierung beginnt mit dem Wissen darüber, wer die Kunden sind und was sie wollen. Dafür braucht es gar nicht immer aufwendige Marktforschung. Oft genug genügt es, sich in Gedanken selber in die Rolle des Kunden oder der Kundin zu versetzen und sich zu fragen, wie man es denn bitteschön selber gerne hätte.

    Das klingt einfacher, als es offenbar ist. Doch die letzten zwölf Jahre haben es bewiesen: Es gibt keine Bankenzukunft ohne wirkliches Wissen um die Kunden.

    In diesem Sinne: Xenia Futura

     

    *****

     

    E-Mails aus der Banken-Zukunft (10):

    FROM: Xenia Futura

    TO: Zukunfts-Interessierte

    DATE: 15. Sep 2010 14:55:13

    RE: Cluster

     

    Liebe Vorgeborenen

    Eine Bank ist eine Bank ist eine Bank. Das gilt auf jeden Fall für die Sitzbänke hier in dieser oft und gerne von Wanderern und Spaziergängerinnen bevölkerten Gegend. Die Ruhebänke sehen alle ziemlich gleich aus, zwei Bretter zum Sitzen, zwei zum Anlehnen, nur die Beschriftung ist unterschiedlich ("Verschönerungsverein Wald", "Verkehrsverein Obersimmental").

    Für jene Form der Banken, die uns hier mehr interessiert, galt das natürlich noch nie. Zwischen der kleinen lokalen Sparkasse und der global tätigen Investmentbank lagen schon zu Ihren Zeiten Welten. Und es brauchte für aufmerksame Beobachter der Bankenlandschaften zu Ihrer Zeit wenig Phantasie für die Prognose, die Differenzierung im Bankensektor würde weitergehen, es käme zu einer noch stärkeren Auffächerung in verschiedene Arten und Formen von Banken. So ist es denn auch gekommen.

    Noch interessanter als diese Feststellung ist der Wandel in den Differenzierungskriterien. Welche Arten von Schubladen zur Unterscheidung einer Menge individueller Einheiten in größere Gruppen verwendet werden, sagt ja immer viel aus über die Modelle, mit denen wir Wirklichkeit konstruieren: Wenn Ihre Welt vorwiegend aus der Unterscheidung zwischen Männlein und Weiblein besteht, sieht sie sicher anders aus als wenn für Sie das Alter das wichtigste Unterscheidungskriterium ist oder gar die Haarfarbe...

    Im Fall der Banken gab und gibt es klassische Differenzierungskriterien, etwa jene nach der Rechtsform und Trägerschaft (Privatbank, Genossenschaftsbank etc.) oder nach der hauptsächlichen Tätigkeit (Retailbank, Investmentbank etc.). Diese Kriterien haben ihre Bedeutung nicht völlig verloren, aber sie sind in den letzten Jahren zunehmend ergänzt worden durch die Differenzierung nach der Art der Kunden einer Bank. Gefragt wird also nicht mehr danach, wem die Bank gehört oder was sie treibt, sondern was ihr Kundenportfolio auszeichnet und einzigartig macht.

    Natürlich ist auch das nicht ganz neu - was gibt es schon wirklich Neues unter der Sonne ? Nachdem, mit großer Verspätung übrigens, das Denken in Marketingkategorien auch bei den Banken Einzug gehalten hatte, war jetzt auch da viel von Kundensegmenten und Zielgruppen die Rede.

    Wenn ich, was im Rahmen meiner diversen Nebentätigkeiten vorkommt, an einem Anlaß teilnehme, an dem Marketingfachleute unter sich sind, wundere ich mich immer wieder darüber, ob es nun Dummheit sei oder naßforsche Borniertheit, welche diese Leute glauben läßt, niemand von den angeblich so umworbenen Kunden höre ihnen zu. Gingen sie nämlich davon aus, daß auch eine Kundin wie ich mithört, was und vor allem wie die über mich reden, würden sie sich schleunigst einer sensibleren Wortwahl befleißigen. Ich jedenfalls hasse es, wenn auf mich als Teil einer "Zielgruppe "gezielt wird, und Teil eines Tortenstücks (nichts anderes meint "Kundensegment"), das meiner Bank zum Verspeisen vorgesetzt wird, bin ich auch nicht gerne.

    Dagegen liebe ich es, wenn in der Kommunikation einer Bank (oder sonst eines Unternehmens) etwas aufscheint, das mich anspricht, das einen Teil meiner Identität berührt. Wenn es einem Unternehmen gelingt, eine Identität auszustrahlen, mit der ich mich ein Stück weit identifizieren kann, hat es gute Chancen, mich als Kundin zu gewinnen.

    Wohlverstanden: "ein Stück weit". Eine (fast) vollständige Identifikation nach der Art, wie sich früher die streng katholische Witwe mit der CDU oder der stramme Gewerkschaftler mit der SPD identifizieren konnte, ist in Zeiten, in denen sich die Identität von Otto Normalverbraucher samt Gattin Lieschen, geborene Müller, längst in multiple Persönlichkeiten aufgelöst hat, nicht mehr denkbar.

    Und auch gar nicht nötig, wenn man das Cluster-Prinzip berücksichtigt: Bei der Bildung eines Clusters sammeln sich um einen Kristallisationskern herum Teilchen, die dazu passen. Sie bilden deswegen keine homogene Gruppe. In vielerlei Beziehung passen sie nicht zusammen, und manche sind nur zufällig dabei. Und dennoch ist auf einen Blick zu erkennen, was die Einzigartigkeit des Clusters ausmacht.

    Über geeignete Kristallisationskerne für die Bildung von Kunden-Clusters bei Banken mehr demnächst.

    Ihre Xenia Futura

     

    *****

     

    E-Mails aus der Banken-Zukunft (11):

    FROM: Xenia Futura

    TO: Zukunfts-Interessierte

    DATE: 16. Sep 2010 08:09:47

    RE: Kleinvieh

     

    Liebe Vorgeborenen

    "Kleinvieh gibt auch Mist !" Mit diesem Spruch begründete noch bis vor wenigen Jahren manche Bank ihre Tätigkeit im Kleinkundengeschäft. Denn das war und ist selbstverständlich immer noch eines der wichtigsten Kriterien, wenn man Kunden differenzieren will: sie in groß und klein zu unterscheiden.

    In der ländlich-sittlichen Gegend hier rund um meine Lieblingsbank klingt dieser Spruch beim ersten Hinhören im übrigen ganz plausibel. Tatsächlich geben auch Ziegen und Schafe und Hühner und Gänse den begehrten Dünger.

    Allerdings steckt schon diesem Zusammenhang der vergiftete Stachel des Neides: Eigentlich hätte der Bauer eben doch lieber Großvieh, das heißt Kühe, denn die kann man besser melken.

    Nun sind dem Borsten- und dem Federvieh solche Sprüche samt dazugehöriger Untertöne vermutlich ziemlich wurst, solange es ordentlich zu fressen bekommt. Menschen aber ticken ein bißchen komplexer.

    Vor allem haben sie Ohren, die auch feine Zwischentöne hören. Und diese klangen beim Banker lange Zeit genau so wie beim Bauern: abwertend ."Klein" klingt eben in einer Gesellschaft, in der nur Größe zu zählen scheint, immer auch etwas wie "minderwertig", und das ist durchaus wörtlich zu nehmen:

    Bei den Banken, vor allem bei den großen, hieß es klipp und klar, das Kleinkundengeschäft sei eigentlich gar kein Geschäft, jedenfalls kein gutes, und auf dem Weg zu einem richtig riesigen Shareholder Value sei es deshalb ein Klotz am Bein.

    Umgekehrt wurde bei kleineren Banken, wenn denn mal ein scheinbar großer Kunde auftauchte, oft genug sämtlichen Alarmsignalen der Strom abgedreht, was zu Pleiten, Pech und Pannen führte. (Daß das auch den großen passierte, macht die Sache nicht besser...) Der Eindruck verfestigte sich: Bei den Banken Kleinkunde zu sein, ist schlecht. Zusammengefaßt wurde diese Eindruck in der eher zynischen Feststellung, wenn man der Bank Zehntausend schulde, habe man ein Problem, wenn man ihr hingegen zehn Millionen schulde, habe sie ein Problem.

    Nun mögen Sie einwenden, das klänge alles etwas überspitzt, und das ist es sicher auch. Nichtsdestotrotz werden Sie zugeben müssen, daß etwas dran ist: In Ihrer Zeit fühlte man sich als Kleine bei den Banken, vor allem bei den großen, zu oft höchstens geduldet statt willkommen.

    Was uns zur Frage bringt, warum sich die Kleinen das alles haben gefallen lassen, denn schließlich blieben sie in großer Zahl Kunden eben dieser Banken. Alles Masochismus, oder was ?

    Die Antwort dürfte wesentlich banaler sein: Im menschlichen Verhalten wirkt ein ungeheures Trägheitsmoment, und wer könnte dieses besser bedienen als eine große, scheinbar für die Ewigkeit gebaute Bank ?

    Die letzten Jahre haben gezeigt, daß dieses Trägheitsmoment nicht unbegrenzt wirksam ist. Im Kleinkundengeschäft gab es in Ihrer Zukunft beträchtliche Verschiebungen, und es sieht so aus, als ob diese weitergingen. Die Gewinner sind, um es auf den Punkt zu bringen, jene Banken, die glaubwürdig die Botschaft ausstrahlen ""Small is beautifull !"

    Dafür genügt keine noch so raffinierte Werbekampagne. Immer mehr "kleine" Kundinnen und Kunden sind in der Lage, das Nasenrümpfen wahrzunehmen, das den Banker im Angesicht seiner kleinen Kundschaft befällt, wenn er heimlich vom Dasein als Großbanker träumt. Das verstimmt sie, und sie gehen lieber zu einer Bank, von der sie spüren, daß sie willkommen sind.

    Dazu muß man als Bank nicht unbedingt selber klein sein - aber es hilft. Allerdings nur, wenn sie selbstbewußt zu ihrem Dasein als Zwerg steht und sich nicht als Riese im Wartestand betrachtet. Daß diese Selbstbeschränkung im Geiste selbstbewußter Bescheidenheit den als Aktiengesellschaften organisierten Großbanken schwer fällt, liegt auf der Hand: Der Aktienmarkt lebt nun mal von der Idee ewigen Wachstums. Eigentliche Privatbanken, Genossenschaftsbanken oder solche im öffentlichen oder halböffentlichen Besitz haben es da leichter. Doch letztlich ist alles eine Frage der Mentalität einer Bank. Was bedeutet: ihrer geistigen Verfassung.

    Mehr dazu gleich. Xenia Futura

     

    *****

     

    E-Mails aus der Banken-Zukunft (12):

    FROM: Xenia Futura

    TO: Zukunfts-Interessierte

    DATE: 17. Sep 2010 10:49:53

    RE: Auch Unternehmen sind nur Menschen

     

    Liebe Vorgeborenen

    "Typisch Philosophin !", haben Sie sich vielleicht eben gedacht, "sondert Tiefsinniges über groß und klein ab und übersieht dabei den für die Banken viel elementareren Unterschied zwischen Privatkunden und Geschäftskunden."

    Nun ja, vielleicht sind diese Unterschiede gar nicht so elementar. Als Bankkundin liegt die Zweimannschreinerei Hobel der Oma im Altenheim vermutlich näher als dem global tätigen Multi, obwohl beides Geschäftskunden sind.

    Daß große, multinational tätige Konzerne sich als Bankpartner nicht auf die lokale Sparkasse verlassen können, liegt auf der Hand. Global Player brauchen Banken, die ihrerseits in der Champions League spielen. Und so wie diese der kleinen Hobbyfußballerin als eine weit entfernte, abgehobene Welt vorkommen muß, die mit ihrer wenig gemein hat, so weit weg ist für das Gros der Bankkunden, aber auch der Banken selber der Bereich, in dem sich die paar wenigen wirklich großen Banken tummeln.

    Größe ist in dieser Welt zweifellos ein wichtiges Kriterium. Unter diesen Vorzeichen hat sicher die eine oder andere Bankfusion, von denen Sie erst die ersten erlebt haben, Sinn gemacht. Reichlich daneben war und ist nur die ausschließliche Fixierung auf das Unterscheidungskriterium Größe. Denn es gibt einen entscheidenden Unterschied zum Fußball. Dort spielen in der Champions League nicht nur die größten Mannschaften, sondern in der Regel auch die besten, das heißt, dort gibt es einen engen Zusammenhang zwischen Quantität und Qualität. Dem ist in der Welt der Banken keineswegs so.

    Eine Bank, die "nur" in der Regional- oder der Nationalliga spielt, braucht deswegen keine Minderwertigkeitskomplexe zu entwickeln. Sie ist im Gegenteil oft viel geeigneter als Partner von kleineren und mittleren Unternehmen. Die wiederum sind für die Gesamtwirtschaft viel wichtiger als die paar großen Konzerne, nicht nur, weil sie zusammen schon rein quantitativ bedeutender sind als jene, sondern auch, weil sie viel erfolgreicher darin sind, Innovationen zu schöpfen und Arbeitsplätze zu schaffen.

    Und so wie unsere Oma aus dem Altenheim, die ihr Geld der Bank brav zu einem geringen Zins überläßt statt zu spekulieren, und mit ihrer Handvoll Überweisungen kaum Kosten verursacht, rentabler sein kann als ein beratungsintensiver reicher Kunde, sagt die Größe eines Geschäftskunden einer Bank wenig aus über seine Rentabilität.

    Halten wir fest: Die Größe kann nicht das einzige Kriterium dafür sein, ob Kundin und Bank zusammenpassen. Ein einfaches Beispiel: Ein mittleres Unternehmen, das seit Generationen im Familienbesitz ist, wird sich bei einem Bankmanager, der ausschließlich mit fremdem Geld spielt, weniger gut aufgehoben fühlen als bei einem richtigen Privatbankier, bei dem es um eigenes Geld geht. Im ersten Fall ist die Gefahr groß, daß die beiden aneinander vorbei reden. Im zweiten dagegen steigt die Chance von ähnlichen Wellenlängen, von einer vergleichbaren Mentalität.

    Die Beziehung zwischen einer Bank und ihren Kunden steht und fällt mit der Qualität der Kommunikation zwischen beiden Partnern. Und diese ist umso besser, je ähnlicher sich die Mentalitäten der beiden sind.

    Das ist so offensichtlich, daß es lange übersehen wurde. Doch in dieser letzten Dekade hat sich gezeigt, daß jene Banken am Markt erfolgreich sind, deren eigene Mentalität am besten mit jener ihrer Kundinnen und Kunden übereinstimmt. Das ist nur logisch: Je ähnlicher die Mentalität, desto leichter ist es für eine Bank zu wissen, was ihre Kunden wollen.

    Mentalität ist ein Element von Persönlichkeit, und darum gilt dieses Prinzip nur für menschliche Kunden, nicht für institutionelle. Könnte man meinen. Doch heutzutage ist es selbstverständlich geworden, auch Unternehmen als Persönlichkeiten wahrzunehmen. Wie Menschen haben auch Unternehmen ihre individuellen Eigenheiten, ihre Macken und Schrullen, ihre Werte und Überzeugungen. Was in dem schönen Sätzchen gipfelt "Auch Unternehmen sind nur Menschen..."

    Das klingt noch reichlich abstrakt, ich weiß. Ich möchte die nächsten E-Mails deshalb für einige Beispiele dafür nutzen, wie erfolgreiche Banken auf konkrete Mentalitäten ihrer Kunden, egal ob Private oder Unternehmen, setzen. Ich hoffe, Sie sind neugierig...

    Ihre Xenia Futura

     

    *****

     

    E-Mails aus der Banken-Zukunft (13):

    FROM: Xenia Futura

    TO: Zukunfts-Interessierte

    DATE: 17. Sep 2010 14:18:23

    RE: Heimat ist in

     

    Liebe Vorgeborenen

    Im September 1998 stand in FOCUS eine Geschichte über die geplante Fusion dreier öffentlicher Banken im Schwäbischen. Als Begründung für den offensichtlichen Zwang zur Größe stand fand sich dieser bemerkenswerte Satz: "Um Firmenkunden mit Auslandsgeschäft bei der Stange zu halten, müssen Banken auch weltweiten Finanzservice bieten. Niederlassungen in Singapur und New York können sich aber nur große Häuser leisten."

    Klar. Klingt irgendwie logisch. Aber leider nur irgendwie. Der erste Denkfehler liegt in der Selbstverständlichkeit der Annahme, man müsse jede gewünschte Dienstleistung selber erbringen, brauche also unbedingt eine eigene Niederlassung in Singapur. Als ob man nicht schon im 20. Jahrhundert etwas von Partnerschaften und Allianzen und Outsorcing gehört hätte. Und selbst wenn einem das entgangen wäre, konnte man sich immer noch an die alte Weisheit erinnern, wonach man keine Kuh kaufen müsse, wenn man ein Glas Milch trinken wolle...

    Noch stärker an die schöne Geschichte von des Kaisers neuen Kleidern gemahnt aber, wie unhinterfragt davon ausgegangen wird, die Zukunft der Wirtschaft sei global, weshalb nur globale Banken als ihre Partner in Frage kämen. Natürlich ist dieser Kaiser nicht ganz nackt. Die Tendenzen zur Globalisierung der Wirtschaft waren schon zu ihrer Zeit unübersehbar, und dieser Trend hat sich in den letzten Jahren, wie vorherzusehen war, noch verstärkt.

    Nur ist es auch heute noch, also zwölf Jahre nach Ihrer Zeit, eine Verzerrung der Realität, wenn man so tut, als hätten wir schon eine weitgehend globalisierte Weltwirtschaft. Wir wollen doch die Relationen bewahren. Es gab in Ihrer Zeit eine natürlich kaum beachtete Studie, die den wirklich globalisierten Anteil an der gesamten Weltwirtschaft auf deutlich unter zehn Prozent schätzte.

    Das bedeutete umgekehrt, daß sich der größte Teil des Wirtschaftens nach wie vor innerhalb eines begrenzten geographischen Radius abspielte, also regional war und nicht global, und daran haben auch die letzten Jahre nicht viel geändert.

    Man unterliegt bei solchen Fragen leicht Wahrnehmungstäuschungen. So lebe ich zwar in einem Land, das traditionell etwa die Hälfte seines Geldes durch Exporte verdient. Das liegt aber nicht zuletzt daran, daß man in diesem kleinen Ländchen immer sehr schnell im Ausland ist. Und tatsächlich geht der größte Teil des Exports nach wie vor in die Nachbarländer, das heißt, wir reden eigentlich von einer weitgehend regionalen Ökonomie. So gesehen dürften für die schwäbische Landesbank Niederlassungen in Straßburg oder Zürich weitaus sinnvoller sein als solche in New York und Singapur.

    Wenn der Provinzler den weltläufigen Metropolenbewohner spielen will, gerät dies leicht zur Posse. Ich bin im Verlaufe meiner Recherchen auf genügend Beispiele gestoßen, bei denen brave Banker aus der Provinz den anrüchigen Geruch von Gaunern mit dem Duft der großen weiten Welt verwechselten und dabei mächtig Geld in den Sand gesetzt haben.

    Sie könnten mir solche Überlegungen natürlich als altjüngferlichen Moralismus ankreiden, so nach dem Motto "Schuster, bleib bei deinen Leisten !" Mal abgesehen davon, daß es sich dabei um ein Stück geronnener Volksweisheit handelt, das von den Managementgurus mühsam als "Besinnung auf Kernkompetenzen" wieder ausgegraben werden mußte: Es geht hier um ein konkretes Erfolgsrezept.

    Wenn ich mir nämlich die heutigen Bankenlandschaften ansehe, entdecke ich eine ganze Reihe von Banken, die höchst erfolgreich auf ihre lokale oder regionale Verwurzelung setzen und damit die Mentalität ihrer Kunden ansprechen. Es gibt eben immer noch sehr viele Menschen und Unternehmen, die sich vorwiegend lokal und regional orientieren. Und es gibt eine wachsende Zahl von Kosmopoliten, die als Ausgleich zu ihrer Weltläufigkeit auch auf einen Wert wie" Heimat" setzen. Für all diese ist eine Bank, die ein Stück regionale Verwurzelung verkörpert, ein Stück Heimat und damit die ideale Partnerin.

    Auch das Gegenteil kann natürlich erfolgreich sein - oder eine überzeugende Kombination aus lokal und global. Nur unentschlossenes Wischiwaschi ist nicht gefragt.

    Bis bald: Ihre Xenia Futura

     

    *****

     

    E-Mails aus der Banken-Zukunft (14):

    FROM: Xenia Futura

    TO: Zukunfts-Interessierte

    DATE: 17. Sep 2010 15:58:11

    RE: Stabilos

     

    Liebe Vorgeborenen

    Wenn denn die vorangegangene Geschichte von den Globalisierungsträumen braver schwäbischer Banker überhaupt eine Moral hat, dann ist es diese: Wenn sich etwas ändert, ändert sich keineswegs alles. Daß unsere Wahrnehmung oft auf das fixiert ist, was sich ändert, und übersieht, was stabil bleibt, liegt daran, daß unsere Gehirne so programmiert sind. Ein Beispiel aus Ihrer Zeit: Alles sprach von der weltumspannenden Kommunikation via Internet, kaum jemand nahm zur Kenntnis, daß mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung noch nie in ihrem Leben ein normales Telefongespräch geführt hatte.

    Zeiten der Jahrhundert- oder gar Jahrtausendwende sind immer etwas hektisch und aufgeregt, und natürlich hatte Ihre Zeit auch allen Grund anzunehmen, alles sei im Fluß, alles verändere sich. Schon Jugendlichen im Berufswahlalter wurde eingetrichtert, sie hätten im Laufe ihres Lebens mindestens drei ganz neue Berufe zu lernen. Daß Wissen alle fünf Jahre völlig veraltet, wußte bald jedes Kind, das seiner Mutter die Grundbegriffe des PCs beibringen wollte. Und die stetig steigenden Scheidungsziffern schienen klar zu signalisieren, daß es so etwas wie stabile Familien nicht mehr gab, sondern höchstens noch LebensabschnittbegleiterInnen.

    Heute haben wir diese schwierige Klippe im Zeitstrom zum Glück überwunden, sind in etwas ruhigere Fahrwasser geraten und können die Dinge wieder etwas nüchterner betrachten. Dabei braucht es schon ein gewaltiges Brett vor dem Kopf, wenn man glaubt, Stabilität dominiere. Aber ebenso unwahr ist das Gegenteil.

    In dieser Sicht erweisen sich die einprägsamen Formeln von eben als das, was sie sind: Durchschnittswerte. Es wird tatsächlich Menschen geben, die ein Dutzend Mal ihren Beruf wechseln wollen und/oder müssen. Ihnen werden andere gegenüberstehen, die ein Leben lang bei derselben Tätigkeit bleiben.

    Und natürlich gibt es Firmen, die den größten Teil ihrer Umsätze mit Produkten erzielen, die weniger als zwei Jahre alt sind. So wie es umgekehrt Unternehmen gibt, die vorwiegend von einer stabilen Tradition in ihrem Angebot leben.

    Es gibt sie natürlich, die hochmobilen Knowledge Worker, die von einer Hochzeit zur nächsten tanzen, nirgends in stabilen sozialen oder familiären Netzen verwurzelt. Aber es gibt natürlich ebenso die ganz anderen, die eine berechenbare Berufslaufbahn verfolgen, in stabilen Familienverhältnissen leben, auf stabile Beziehungsnetze bauen.

    Oder betrachten wir die Sache mit der Wissensexplosion. Auch hier bevorzugen wir mittlerweile die Differenzierung im Nahbereich: Was in der High-Tech-Industrie sicher uneingeschränkt gilt, sieht etwa im klassischen Dienstleistungsbereich ganz anders aus. Sicher, auch die Kindergärtnerin und der Empfangschef im Hotel müssen ständig dazulernen. Das Grundwissen darum, worum es in ihrem Job geht, veraltet dennoch sehr viel langsamer, wenn überhaupt.

    Derart unterschiedliche Lebenssituationen sind zwangsläufig untrennbar verknüpft mit höchst unterschiedlichen Lebensgefühlen, sprich Mentalitäten, wobei Ursache und Wirkung nicht zu trennen sind. Fest steht nur, daß es krachen muß, wenn die beiden Mentalitäten aufeinandertreffen. Wenn die jungdynamische Bankerin dem gestandenen Handwerksmeister die Welt erklären will, und sei es nur die Finanzwelt, muß das ebenso schief gehen wie wenn eine Jungunternehmerin dem braven älteren Bankbeamten von den Vorzügen virtueller Unternehmen vorschwärmt.

    Wenn die Kräfte des freien Marktes spielen, und das tun sie in diesem Fall durchaus, dann werden sich mit der Zeit jedem Kundenmentalitäts-Cluster Banken mit einer entsprechenden eigenen Mentalität zuordnen. Genau das ist passiert. Es hat sich dabei gezeigt, daß nicht der Inhalt der Mentalität entscheidend ist für den Erfolg - es gibt erfolgreiche Banken für Stabilos ebenso wie für Dynamiker - sondern ausschließlich der Grad an Übereinstimmung zwischen der Mentalität der Bank und jener des Kunden-Clusters.

    (Ich gehe davon aus, daß Sie sich alle Arten von Mischformen zwischen den geschilderten Extremen selber vorstellen können. Erfolgreich kann eine Bank natürlich auch dann sein, wenn sie sich an solche Mischtypen wendet, sofern sei die einschlägige Mentalität selber glaubwürdig verkörpert.)

    Xenia Futura

     

    *****

     

    E-Mails aus der Banken-Zukunft (15):

    FROM: Xenia Futura

    TO: Zukunfts-Interessierte

    DATE: 17. Sep 2010 17:01:17

    RE: Lebensunternehmer

     

    Liebe Vorgeborenen

    Das Sitzen auf einer Bank unter einem hundertfünfzigjährigen Baum verführt einem leicht zum Denken in etwas konservativeren Bahnen als gewohnt, ich gebe es ja zu. Mein Hohelied auf die Stabilos sollte allerdings keine Wertung sein, auch wenn nie ganz auszuschließen ist, daß das Altmodische von heute das Modernste von morgen wird. Ich wollte damit nur sagen, daß es nun wirklich keinen Sinn macht, wenn alle Banken den Dynamikern nachrennen, um sie als Kunden zu gewinnen, während sie die Chancen im Geschäft mit den Stabilos übersehen.

    Das soll uns nicht den Blick dafür trüben, daß die einen an Zahl abnehmen und die anderen zu. Es gibt immer weniger lineare, berechenbare Karrieren, und mehr Biographien, die sprunghaft und in manchmal chaotischen Bahnen verlaufen.

    Ebenso klar: "Normale "Anstellungsverhältnisse mit geregelten Arbeitszeiten, Gehältern und Sozialleistungen sind zwar nicht gerade ein Auslaufmodell, auch jetzt nicht, aber sie sind nicht mehr unbedingt der statistische Normalfall.

    Und es gibt keinen Ersatz im Sinne einer neuen Normalität, sondern vielmehr jenes chaotische Gemisch unterschiedlichster Tätigkeitsformen, das zu erwarten ist, wenn auch auf dem Arbeitsmarkt die freien Marktkräfte spielen.

    Neben klassischen Freiberuflern oder Selbständigen gibt es deshalb immer mehr Schein- oder Teilselbständige. Neben Vollzeitangestellten gibt es immer mehr, die mehrere Anstellungen gleichzeitig ausüben, oder teils selbständig, teils angestellt tätig sind - und oft genug noch zusätzlich ehrenamtlich.

    Und wie um die Eingangsbemerkung zu illustrieren, kehrt ein Phänomen aus frühen Tagen der Arbeitsgesellschaft zurück: die Tagelöhner. Natürlich verkaufen die heutigen Tagelöhner nicht mehr ihre Hände zum Ernten, sondern ihre Gehirnzellen zum Denken, doch auch sie tun dies tage- oder projektweise, und auch sie kennen die Folgeerscheinungen: unregelmäßiges Einkommen, wenig soziale Absicherung, kaum Planbarkeit.

    So unterschiedlich sich diese neuartigen Lebenssituationen , die in der noch vor Ihnen liegenden, mir aber bekannten Zeit natürlich an Bedeutung gewonnen haben, im einzelnen auch darstellen mögen, so gibt es doch verbindende Elemente.

    Das vielleicht wichtigste: Diese Menschen sind Lebensunternehmer, und nicht Lebensverwalter. Und auch nicht Lebensmanager. Während bei den Lebensverwaltern sowohl Ziele als auch Mittel vorgegeben sind, und bei den Lebensmanagern zwar die Mittel frei wählbar sind, nicht aber die Ziele, bestimmen Lebensunternehmer beiderlei Geschlechts sowohl über die Ziele als auch über die Mittel ihres Lebens selber. Dabei kommt sehr Unterschiedliches heraus, aber so wie sich echte Unternehmer verstehen, egal ob sie eine Zaunfabrik oder eine Softwarebude betreiben, so ist allen Lebensunternehmern eine gewisse Mentalität gemeinsam.

    Und nicht nur das. Jeder Unternehmer hat ein anderes Verhältnis zu Geld und geht anders damit um als ein Manager oder gar ein Beamter. Wenn das Geld nicht einfach vom Lohnstreifen kommt, sondern den Unwägbarkeiten des Markte abgerungen werden muß, ist Weiterbildung zum Beispiel nicht wie bei manchen Beamten verlängerter Urlaub, sondern eine Investition, deren Nutzen wohl überlegt sein will.

    Lebensunternehmer müssen also als Einzelmenschen in Kategorien denken, die früher Unternehmen vorbehalten waren (was ein erneuter Beleg dafür ist, daß sich die früher starren Grenzen zwischen individuellen und institutionellen Bankkunden immer mehr verwischen): Investitionen, Risikoabsicherung, Reservenbildung, Liquiditätsmanagement. Und das ist nicht nur eine Frage der Finanztechnik. Auch hier handelt es sich um eine Frage der Mentalität.

    Womit wieder unser ehernes Gesetz zur Anwendung käme: Erfolg hat eine Bank dann, wenn sich ihre Mentalität mit jener ihrer Kunden deckt, wenn beide auf einer ähnlichen Wellenlänge schwingen. Für die wachsende Schar von Lebensunternehmern ist damit eine Beamtenbank denkbar ungeeignet. Eine wirkliche Bank für Lebensunternehmer zu werden, das heißt deren Mentalität zu entwickeln, ist jedoch eine echte Herausforderung. Ich weiß aus eigener Erfahrung, daß es gar nicht so einfach ist, zur Lebensunternehmerin zu werden...

    In diesem Sinne: Ihre Xenia Futura

     

    *****

     

    E-Mails aus der Banken-Zukunft (16):

    FROM: Xenia Futura

    TO: Zukunfts-Interessierte

    DATE: 18. Sep 2010 07:46:33

    RE: Lebensgestalter

     

    Liebe Vorgeborenen

    Nach der Lektüre meiner letzten E-Mail könnten Sie auf die Idee gekommen sein, die Lebensunternehmerin sei sozusagen der Prototyp des idealen Menschen am Beginn des 21. Jahrhunderts - wobei in diesem Fall die weibliche Form bewußt gewählt wurde, sind Frauen doch nach übereinstimmender Meinung im Großen und Ganzen besser darauf vorbereitet, mit den chaotischen Unwägbarkeiten eines solchen Daseins umzugehen als Männer, die darob in Panik verfallen, von wegen drohenden Kontrollverlustes und so.

    Nun, ganz so einfach ist es mit der Attraktivität des Konzepts der Lebensunternehmer denn doch nicht, vielmehr wirkt das Konzept ambivalent, hat Licht- und Schattenseiten.

    Einerseits verkörpern Lebensunternehmerinnen und Lebensunternehmer geradezu idealtypisch jene Werte, die seit den alten Griechen für die Entwicklung der westlichen Kultur wegweisend geworden sind: Freiheit, Individualität, Autonomie. Seit den Sechziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts hat der Trend zum Individualismus noch einmal einen beträchtlichen Schub bekommen. Und diese Bevorzugung der Einzigartigkeit jedes Individuums vor irgendwelchen kollektiven Zwängen, die nun mal Teil unserer Kultur ist, wird auch von niemandem ernsthaft in Frage gestellt.

    Auf der anderen Seite trüben vor allem zwei Bedenken das strahlende Bild von den Lebensunternehmern. Zum einen ist die damit verbundene Freiheit für viele Betroffene keine freiwillige Sache, sondern ein Kind des Zwangs zur Freiheit, so paradox das klingen mag. Der Entscheid für diese Lebensform ist dann nicht freiwillig gefallen, sondern weil es keine andere Möglichkeiten mehr gab und gibt, seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Schon bei den alten Tagelöhnern hätte sicher so mancher seine Freiheit gerne gegen eine sichere Anstellung eingetauscht, und das ist heute nicht anders.

    Der zweite Einwand hat damit zu tun, daß im Bild vom Unternehmer neben allen positiven Aspekten immer noch dunkle Seiten stecken. Demnach sind Unternehmer kalte, rücksichtslose Egoisten, nur auf den eigenen Vorteil bedacht, sich keinen Deut um das Allgemeinwohl scherend. Wenn nun alle Unternehmer werden, und sei es "nur" Lebensunternehmer, muß gemäß dieser Vorstellung das Maß an sozialer Kälte zunehmen. Die Idee von den Lebensunternehmern zu unterstützen, wäre in dieser Optik gleichbedeutend mit einer Förderung der Ellbogengesellschaft, und davor haben viele Menschen Angst.

    Etwas weniger mit solchen Assoziationen belastet als der Begriff der Lebensunternehmer ist jener der Lebensgestalter. Im Kern verkörpern jedoch beide Worte dieselben Werte: Freiheit in Eigenverantwortung.

    Diese Werte wiederum sind in den letzten Jahren zunehmend populär geworden, weit über den Kreis derjenigen hinaus, die im ökonomischen oder juristischen Sinne eigentliche (selbständige) Lebensunternehmer sind. Das liegt sicher daran, daß die darin enthaltene Möglichkeit, individuell herauszufinden, was einem frommt und was nicht, attraktiver ist als das Befolgen einheitlicher Normen.

    Ein Indiz dafür habe ich in einer kurzen Notiz in einem Magazin von 1998 gelesen: Forscher hätten herausgefunden, daß die Individuen beim Essen sehr wohl am besten selber wüßten, was sie brauchen und was ihnen bekommt; es genüge also zur Sicherstellung einer gesunden Ernährung, auf seine Gelüste zu setzen.

    Nun wissen wir natürlich auch heute, daß so was nie für alle gelten kann, manche brauchen oder wollen nun mal Normen und Vorschriften. Die Mehrheit aber zieht die Freiheit vor, im vollen Bewußtsein darum, daß die Freiheit, aus zwanzig Sorten Zahnpasta die richtige wählen zu können, aber auch zu müssen, Lust und Last sein kann.

    Ebenso klar ist heute, daß Eigenverantwortung zu kaltem Egoismus führen kann, aber nicht muß. Für viele ist es zu einer faszinierenden Herausforderung geworden, Eigenverantwortung und soziale Verantwortung auf intelligente Weise neu zu kombinieren.

    Der erste Versuch einer Bank, mit dem Slogan "Die Bank für Lebensgestalter" aufzutreten, ging noch schief, zu groß waren die Widersprüche zwischen den Werbesprüchen und der gelebten Unternehmenskultur. Besser lief es bei jenen Banken, die zuerst ihre eigene Lebensgestalter-Mentalität kultivierten...

    Mehr gleich: Ihre Xenia Futura

     

    *****

     

    E-Mails aus der Banken-Zukunft (17):

    FROM: Xenia Futura

    TO: Zukunfts-Interessierte

    DATE: 18. Sep 2010 10:19:27

    RE: reife Werte

     

    Liebe Vorgeborenen

    Sie sehen vermutlich, worauf ich hinaus will: Seine Kundinnen und Kunden zu kennen, zu wissen, was sie von einer Bank wollen und erwarten, bedeutet, ihre Werte zu kennen. Ein echtes Verständnis für den Wertewandel ihrer Kunden gehört deshalb heutzutage zu den zentralen Elementen des Wissens-Portfolios einer erfolgreichen Bank. Wertewandel, auch das haben wir bereits festgestellt, braucht dabei nicht zu bedeuten, daß sich sämtliche Werte wandeln, oder daß es gar um ganz neue, noch nie gesehene Werte ginge. Die Prozesse des Wertewandels umfassen vielmehr beides: Stabilität und Veränderung.

    Wissen allein genügt jedoch nicht, um eine Mentalitätsbrücke zu den gewünschten Kundinnen und Kunden zu schlagen. Wenn eine Bank beispielsweise verkündet, sie setze auf "reife Werte", also etwa auf Erfahrung oder die Fähigkeit, zwischen Wichtigem und Unwichtigem zu unterscheiden, dabei jedoch gleichzeitig alle Mitarbeiter rausschmeißt, die über fünfzig sind, dann zeigt sie damit, daß sie nichts begriffen hat...

    "Reife Werte" ist übrigens ein gutes Stichwort. Wir verstehen darunter heutzutage vor allem innere Ruhe und Ausgeglichenheit, aber auch Weisheit, Gelassenheit, klar zu wissen, was man will, Souveränität, Klugheit, Zufriedenheit und - sie werden sich vielleicht darüber wundern - Optimismus.

    All diese Werte zeigen eine immer noch anhaltende klare Aufwärtstendenz, und sie beeinflussen zunehmend alle möglichen Bereiche, von der Familie über die Wirtschaft und die Wissenschaft bis hin zu Politik und Werbung.

    Daß dem so ist, erstaunt heute niemanden mehr, schließlich ist die Tatsache unübersehbar, daß unsere Gesellschaft im Durchschnitt älter wird, und wo es mehr reifere Jahrgänge gibt, sind auch mehr reife Werte zu erwarten. Das konnte man schon zu Ihrer Zeit sehen, es wurde nur erstaunlich wenig zur Kenntnis genommen. Was es wiederum den paar Ausnahmen leichter machte, sich rechtzeitig auf die Konsequenzen dieses offensichtlichen Wandels einzustellen und die damit verbundenen Chancen zu nutzen.

    Hinderlich war dabei natürlich der lange Zeit grassierende Jugendlichkeitswahn, der beispielsweise Fernsehzuschauer über fünfzig als völlig uninteressante Zielgruppe abqualifizierte.

    Nur wundern kann man sich aus heutiger Sicht darüber, daß es lange Zeit keine Bank gab, die gegen diese Mentalität protestierte. Schließlich wußte man schon damals, daß die reiferen Jahrgänge längst nicht mehr die armen Alten sind, sondern im Gegenteil die rosigsten Finanzverhältnisse aufweisen und deshalb als Bankkunden besonders interessant sind. Stattdessen verfielen auch viele Banken zunehmend dem Jugendlichkeitswahn. Vorbild war jetzt nicht mehr der soignierte ältere Banker, der seine Entscheidungen umsichtig abwägt, sondern der hektische Devisenhändler, der innerhalb von Sekunden Millionen verschiebt, verdient oder verliert.

    Und eine Zeit lang klang es auch von den Banken so, als ob Europa mit seiner reiferen Alters- und Wertestruktur gegen die jungen und dynamischen Volkswirtschaften Südostasiens keinerlei Chancen hätte. Sie wissen bereits, daß auch diese Bäume nicht in den Himmel gewachsen sind...

    Mittlerweile sind wir alle ein paar Jährchen reifer und damit hoffentlich auch klüger geworden und sehen jetzt klarer, daß es nur lächerlich ist, wenn eine reife Gesellschaft den Werten einer jugendlichen hinterher hechelt, und daß das einzige wirkliche Erfolgspotential darin besteht, die vorhandenen Stärken einer reifen Gesellschaft noch besser zu nutzen.

    Ganz besonders gilt das natürlich auch für die Banken. Auch die haben sich oft nicht als besonders reif erwiesen. Wie etwa die Schweizer Banken jahrzehntelang mit dem Problem der nachrichtenlosen Konten umgegangen sind, war weder gelassen noch souverän noch gar weise. Es brauchte deshalb schon besondere Anstrengungen für eine Bank, um die reifen Werte wirklich zu verinnerlichen.

    Doch die Anstrengung kann sich lohnen. Ich sehe jedenfalls in der heutigen Bankenlandschaft einige Banken, die glaubwürdig und höchst erfolgreich nach der Devise leben "Die reife Bank für reife Kunden".

    Mehr zum Wert und zu den Werten von Bankkunden bald. Ihre Xenia Futura

     

    *****

     

    E-Mails aus der Banken-Zukunft (18):

    FROM: Xenia Futura

    TO: Zukunfts-Interessierte

    DATE: 18. Sep 2010 11:15:16

    RE: coole Ansprüche

     

    Liebe Vorgeborenen

    "Schon die Hälfte der E-Mails aus der Zukunft vorbei, und noch immer nichts wirklich Neues !" So ungefähr mag Ihr Stoßseufzer klingen, und das ist durchaus verständlich. Schließlich sind weder die Werte der Lebensgestalter noch die reifen Werte wirklich neu oder besonders originell. Nur, Hand aufs Herz: Haben Sie wirklich geglaubt, in der Zukunft würde alles ganz anders ? Oder waren Sie im Hinblick auf die Banken der festen Überzeugung, nur jene hätten echte Erfolgspotentiale, die ganz auf die Karte Veränderung setzen ?

    Ganz unschuldig an solchen Verwirrungen ist meine Branche, jene der Zukunfts- und Trendforscher, nicht, es gab tatsächlich Zeiten, in denen eine möglichst verrückte Prognose mehr galt als eine plausible. Und verrückt wäre es, wenn sich alles ändert, plausibel dagegen, daß alles, was heute wichtig ist, zu Ihrer Zeit mindestens in Ansätzen schon sichtbar war, für jede und jeden, die oder der Augen hat zu sehen.

    Was gab es etwa in den Neunziger Jahren für Aufregung um angeblich neuartige Programme zum Kundenbindungsmanagement (schon allein das Wortungetüm mußte doch eigentlich abschrecken...). Dabei war es jedem vernünftigen Anbieter und jeder klugen Händlerin schon immer klar, daß zufriedene Kunden wiederkommen, daß es sehr viel einfacher und kostengünstiger ist, vorhandene Kunden zufriedenzustellen statt neuen nachzujagen, daß zufriedene Kunden mit durchschnittlich drei Leuten über ihre Erfahrung reden, unzufriedene dagegen mit zehn. Und so fort.

    Und auch was Kundinnen und Kunden zufrieden macht, war ja nun wirklich nie ein Geheimnis. Und wenn nicht, konnte man es jederzeit bei Oscar Wilde nachlesen: "Ich habe einen ganz einfachen Geschmack, ich will immer nur das Beste."

    Das sieht nur auf den ersten Blick nach einem bedrohlichen, weil letzten Endes nicht einlösbaren Anspruch aus. Auch die Kundinnen und Kunden des 21. Jahrhunderts hätten natürlich am liebsten alles und das möglichst gratis. Sie sind nicht weniger anspruchsvoll als frühere Kundengenerationen, ganz im Gegenteil, aber sie wissen zu unterscheiden zwischen realistischen und illusorischen Ansprüchen und konzentrieren sich umso mehr auf letztere.

    Diese realistischen Ansprüche können die heutigen Konsumenten ganz cool formulieren. Sie wollen freundlichen und aufmerksamen Service, faire Preise, Rücksichtnahme auf die Umwelt, ein echtes Interesse an ihren Wünschen und Anliegen und als Kunde mit Respekt behandelt werden. Und zunehmend auch nach den eigenen Bedürfnissen maßgeschneiderte Angebote.

    Man kann die Ansprüche der heutigen Kunden noch besser auf den Punkt bringen: Sie wollen menschlich behandelt werden, nicht als Melkkuh oder statistischer Fall oder als Zielgruppe, sondern als Partner in einer Beziehung nicht von Gleichen, aber von Gleichwertigen.

    Das alles ist tatsächlich weder besonders neu noch gar sensationell. Es geht vielmehr um pure Selbstverständlichkeiten. Und genau die zu realisieren ist oft das Schwierigste überhaupt.

    Gerade bei den zahlengläubigen Bankern gab es auch kritische Einwände gegen das Konzept eines menschlichen Umgangs mit den Kunden. Das sei humanistischer Firlefanz, der nichts einbringe, und so lange die Banken ihre Hauptaufgabe ordentlich erfüllten, nämlich Geld zu verwalten und zu vermehren, könne man darauf gut verzichten.

    Ich habe bei meinen Streifzügen etliche Banken erlebt, die das Gegenteil bewiesen haben. Eine davon hat ihre Einsicht sogar in einen symbolischen formalen Akt umgesetzt, indem sie mit ihren Kunden einen "Contrat commercial" schließt. Dabei handelt es sich um einen Satz gegenseitiger Rechte und Pflichten, die eine partnerschaftliche Beziehung zwischen der Bank und ihren Kunden gewährleisten soll. Die Bank verpflichtet sich in diesem symbolischen Vertrag dazu, den hohen Ansprüchen der Kunden an einen menschlichen Umgang gerecht zu werden.

    Sie bekommt auch etwas dafür, nämlich erhöhte Kundentreue und gute alte Mund-zu-Mund-Propaganda.

    Sie hat damit die Erkenntnis umgesetzt, daß es gerade bei einer Bank nicht nur darum geht zu wissen, wer die Kunden sind und was sie wollen, sondern auch, wie man eine erfolgreiche und nachhaltige Beziehung mit ihnen pflegt.

    Davon werden meine nächsten E-Mails handeln.

    Bis dann: Ihre Xenia Futura

     

    *****

     

    E-Mails aus der Banken-Zukunft (19):

    FROM: Xenia Futura

    TO: Zukunfts-Interessierte

    DATE: 24. Sep 2010 09:35:17

    RE: Beziehungskisten

     

    Liebe Vorgeborenen

    Unsere bisherigen Streifzüge durch die für Sie zukünftigen Bankenlandschaften haben eines klar gezeigt: Die Beziehungen zwischen den Banken und ihren Kundinnen und Kunden organisieren sich mehr und mehr nach dem Prinzip "Gleich und gleich gesellt sich gern !". Dieses Ähnlichkeitsprinzip wirkt dabei auf einer geistigen Ebene, die wir "Mentalität" getauft haben. Erfolgreich sind Banken, die eine ähnliche Mentalität haben wie ihre Kunden, also ähnliche Werte verkörpern und dieselbe Sprache sprechen.

    Deshalb ist es heute für jede Bank so wichtig, über die Mentalität ihrer Kunden genau Bescheid zu wissen, also darüber, welche Werte sie haben (wieviel ihnen was wert ist), welche Wünsche und Erwartungen sie an ihre Bank richten. Anders gesagt: Das Wissen um die Kunden bildet den Kern des Wissens-Portfolios jeder Bank, die nachhaltigen Erfolg haben will.

    Dieses Wissen allein genügt jedoch nicht, was sich leicht mit einer Analogie belegen läßt: Stellen Sie sich einen jungen Mann vor, der eine junge Dame verehrt und sie erobern möchte. Er hat alles über sie herausgefunden, was es zu wissen gibt. Wenn er jedoch zu schüchtern ist oder zu plump oder zu unbeholfen, wird ihm das wenig nützen. Wenn er nicht weiß, wann welche Blumen angebracht sind oder auf welchem Papier man einen überzeugenden Liebesbrief schreibt, kurzum, wenn er nicht weiß, wie man eine Beziehung aufbaut und lebendig erhält, nutzt ihm alles Wissen um die Wunschpartnerin dieser Beziehung gar nichts.

    Nun ist die Beziehung zwischen einer Bank und ihren Kunden natürlich keine Liebesbeziehung und soll es auch gar nicht sein, doch um eine Beziehungskiste handelt es sich allemal. Der Vergleich mit einem menschlichen Paar liegt schon deswegen nahe, weil für viele Menschen Bankenbeziehungen heutzutage länger dauern als ihre Ehen oder sonstigen Formen des Zusammenlebens. Gerade wegen der Brüchigkeit vieler privater Beziehungen bevorzugen viele Menschen nämlich als Ausgleich stabilere, länger anhaltende Beziehungen mit institutionellen Partnern, also etwa Banken, so nach dem Motto "Lebensabschnittbegleiter vergehen, Banken bestehen".

    Umgekehrt hat heute auch die letzte Bank festgestellt, daß sie jedes Interesse an nachhaltigen Kundenbeziehungen hat, nicht nur, weil die Pflege bestehender Kundenbeziehungen wesentlich günstiger kommt als die Schaffung neuer, sondern auch, weil es kein besseres Kapital gibt als einen treuen Kundenstamm.

    Wenn Sie jemandem ein Haus verkaufen, treffen Sie diese Person vermutlich nie mehr im Leben. Wenn Sie ihr ein neues Auto verkaufen, kommt sie vielleicht in fünf Jahren wieder. Da ist der Aufbau einer echten Beziehung weniger wichtig.

    Anders bei einer Bank, mit der alle Kunden mindestens einmal pro Monat zu tun haben, wenn sie ihre Zahlungen erledigen. Hier handelt es sich ohne Zweifel um eine permanente Beziehung, die sich immer wieder aufs Neue bewähren muß. Weshalb sie entsprechender Pflege bedarf.

    So abstrakt gesehen ist das natürlich ein alter Hut. Irgendeine Form von Beziehung gab es immer schon zwischen Bank und Kunde. Auch der Bankbeamte, der seine Kunden als Bittsteller vor seinem Schalter behandelt, steht in einer Beziehung zu ihnen, nur in einer sehr einseitigen und ungleichgewichtigen. Entscheidend ist also die Art der Beziehung.

    Und da hat auf Kundenseite in den letzten Jahrzehnten ein Emanzipationsprozeß stattgefunden, der durchaus mit der Emanzipation der Frauen vergleichbar ist. So wie sich keine Frau mehr in einer Beziehung von oben herab und als minderwertig behandeln läßt, so lassen sich die Kunden von heute (noch stärker als in Ihren Tagen) nicht mehr auf Beziehungen mit Banken ein, die sie nicht als gleichwertig betrachten und behandeln.

    Dabei geht es nicht um eine Beziehung zwischen genau Gleichen. Die Ausgangspositionen und Interessenlagen von Frau und Mann sind in einer Beziehung unterschiedlich, und genau so ist es in der Beziehung zwischen Bank und Kundin. Nicht um Gleichartigkeit geht es also, sondern um Gleichwertigkeit.

    Die Kundinnen und Kunden von heute sind aus ihren täglichen Beziehungskisten gut trainiert in der Fähigkeit, Schein von Sein zu unterscheiden. Wer nur so tut, als ob er seine Kunden als Gleichwertige respektiert, fliegt deshalb schnell aus dem Spiel.

    Ein Beispiel folgt sogleich.

    Xenia Futura

     

    *****

     

    E-Mails aus der Banken-Zukunft (20):

    FROM: Xenia Futura

    TO: Zukunfts-Interessierte

    DATE: 24. Sep 2010 12:15:32

    RE: Sprachliche Sensibilitäten

     

    Liebe Vorgeborenen

    Bei meinen historischen Studien über die Bankenlandschaften am Ende des 20. Jahrhunderts bin ich in einer Hochglanzbroschüre einer Bank zum Thema "Business-Plan" auf folgenden bemerkenswerten Satz zum Thema Marktforschung gestoßen: "Die oft gehörte Bemerkung, daß über den betreffenden Spezialmarkt eben keine publizierten Daten zu finden seien und daß die Marktforschungsinstitute zu viel kosten, ist nicht stichhaltig: Ideenreiche Unternehmer werden immer Wege finden, den Markt fundiert abzuklären."

    Dieser Ratschlag ist so wahr, daß sich heute selbst die Banken stärker daran halten denn je. Marktforschung haben die Banken natürlich schon lange betrieben, aber klassische Marktforschung hat ihre natürlichen Grenzen: Was man in großen repräsentativen Befragungen herausfindet, weiß man in aller Regel schon, sonst hätte man seinen Beruf verfehlt.

    Zudem haben die fundierten Abklärungen der gröberen Kundenbedürfnisse dazu geführt, daß auch die entsprechenden Angebote der Banken alle ähnlich aussehen, grobe Schnitzer neben den Bedürfnissen des Marktes vorbei kann sich keine Bank mehr leisten. Das wiederum bedeutet, daß eine echte Differenzierung und Profilierung, also die Strategie der Einzigartigkeit, nur noch durch Differenzierungen im Nahbereich möglich ist.

    Das wiederum braucht eine andere Art von Marktforschung. Gefragt werden können nicht mehr alle Kunden, sondern nur jene, die sich für das Gebiet speziell interessieren und deshalb besonders dafür sensibilisiert sind. Diese Leute nun, das zeigt sich immer stärker, sind gerne bereit, ihre Meinungen und Ideen einzubringen, wenn sie davon ausgehen können, daß diese von ihrer Bank gehört und respektiert werden.

    Lange Zeit gingen die Banken davon aus, es handle sich hier um die Anliegen von Minderheiten, für die sich die große Mehrheit gar nicht interessiere, weshalb sie für den Geschäftserfolg irrelevant seien. Heute weiß man, daß diese Minderheiten auch für die Mehrheit wichtig sind.

    Ein Beispiel: Daß und wie eine Bank ökologisch handelt, interessiert im Detail tatsächlich nur eine Minderheit. Wenn diese aber ihre Anliegen realisiert sieht, wirkt sich das auch auf das Gesamtimage der Bank aus: Selbst die nicht direkt Interessierten nehmen unterschwellig wahr, daß sich die Bank grün profiliert.

    Ähnliches gilt auf dem Feld, auf dem ich mich in einer kleinen Kundinnengruppe für meine Bank engagiere: dem Gebrauch von Sprache. Ich bin von der Kommunikationschefin meiner Bank dazu eingeladen worden, in einer kleinen Gruppe regelmäßig darüber zu diskutieren, ob die von der Bank gebrauchte Sprache wirklich diejenige sei, die man in einer Beziehung von Gleichwertigen braucht.

    Das mag nach einer Nebensächlichkeit klingen, schließlich kommuniziert eine Bank mit ihren Kunden vorwiegend im Medium der Zahlen und Grafiken. Aber sie verwendet dafür immer auch Sprache, auch wenn ihre Briefe heute als E-Mail daherkommen und nicht mehr von der Snail Mail gebracht werden. Und Sprache verrät immer eine Menge über die dahinter steckende Mentalität, unabhängig davon, ob das bewußt oder unbewußt wahrgenommen wird.

    Fast noch mehr gilt das für die Sprache, die bankenintern verwendet wird. Anders als früher bleibt sie dort nicht verborgen, interessierte Zeitgenossen unter den Bankkunden wissen sehr wohl darum. Und diese Sprache kann verräterisch wirken.

    Wenn ich zum Beispiel das Wort "Kundenbetreuung" höre, dann denke ich an Kleinkinder, die im Kindergarten, oder an alte Leute, die im Altersheim betreut werden müssen. Beiden Gruppen ist eine gewisse Hilflosigkeit und Unmündigkeit gemein. Sieht mich meine Bank so, wenn ich von ihr betreut werde ?

    Oder ich höre von "Programmen zur Kundenbindung". Angebunden werden müssen störrische Pferde. Ich dagegen will nicht gebunden, sondern umworben werden.

    Meine Bank hat aus solchen Einwänden gelernt. Und deshalb spricht sie auch nicht mehr von "Kundenbeziehungsmanagement", sondern von der Pflege von Kundenbeziehungen. (Und nicht etwa von "Kundenpflege", das wäre ja noch schlimmer als Kundenbetreuung.)

    So viel zur Sprache. Mehr zur Pflege von Kundenbeziehungen demnächst auf diesem Schirm.

    Xenia Futura

     

    *****

     

    E-Mails aus der Banken-Zukunft (21):

    FROM: Xenia Futura

    TO: Zukunfts-Interessierte

    DATE: 24. Sep 2010 14:06:13

    RE: Drei Beziehungsebenen

     

    Liebe Vorgeborenen

    >Sich um sprachliche Feinheiten kümmern, Rücksicht nehmen auf die Sensibilitäten von irgendwelchen mimosenhaften Kundinnen - das ist doch alles sentimentaler Firlefanz, humanistische Gefühlsduselei ! Was hat das denn mit dem Finanzgeschäft zu tun, in dem es rein rational zugeht ?<

    So ungefähr hätte sich ein Banker alter Schule geäußert, wenn er meine letzte E-Mail gelesen hätte - falls es diesen Typ überhaupt noch gäbe. Nun, ein Stück weit hätte er sogar recht. "Rational" heißt nämlich eigentlich ursprünglich all das, was sich messen läßt, was man in gleich große Einheiten unterteilen kann. Auf Geld trifft beides zweifellos zu, also ist das Geschäft mit dem Geld ein rationales.

    Wenn man sich vor Augen führt, welche irrationalen Elemente die globalen Finanzströme beeinflussen können, könnte man zwar gelinde Zweifel an dieser Aussage bekommen. Nichtsdestotrotz gibt es in der Beziehung zwischen Bank und Kunde eine rationale Ebene. Es geht um kalkulierbare Geschäfte, die beidseitig nach rationalen Spielregeln getätigt werden.

    Auf dieser rationalen Ebene unterscheiden sich die einzelnen Banken, z.B. durch Spezialisierung auf bestimmte Bankgeschäfte oder durch die strategische Ausrichtung auf eine bestimmte Preispolitik.

    Zur rationalen Ebene der Geschäftsbeziehung zwischen Bank und Kundin kommt auf jeden Fall eine zweite hinzu: die formale. Zwischen Bank und Kunden findet ja eine permanente gegenseitige Kommunikation statt. Diese differenziert sich formal sowohl durch die Wahl der bevorzugten Kommunikationsmedien (persönliches Gespräch, Telefon, E-Mail, Post etc.) als auch durch die Bevorzugung bestimmter formaler Stile (z.B. klassisch unpersönlich versus salopp und kumpelhaft).

    Im übrigen ist in keiner Beziehung, auch nicht in einer geschäftlichen, die dritte Ebene gänzlich zu vernachlässigen: die emotionale. Das läßt sich schon aus logischen Gründen nicht vermeiden: Auch der völlige Verzicht auf jede Emotionalität in einer Beziehung ist eine emotionale Botschaft, nämlich die, daß die Beziehung ausschließlich auf kalt und nüchtern kalkulierten Interessen beruht.

    Das kann sehr wohl eine tragfähige Basis für eine Beziehung zwischen einer Bank und ihren Kunden sein, wenn es die Kunden so wollen. Insgesamt jedoch stelle ich fest, daß das Bedürfnis nach Einbezug der emotionalen Beziehungsebene wächst. Emotionaler formuliert: Die meisten Kunden und vor allem Kundinnen einer Bank wollen heute das Gefühl haben, die Bank interessiere sich für sie, respektiere sie, nehme sie ernst, ja möge sie ein bißchen. Dieses Gefühl läßt sich nicht mit ein paar hübschen Werbesprüchen erzeugen, die heutige Kundschaft kann echt von unecht unterscheiden...

    Warum erzähle ich Ihnen all diese Banalitäten ? Weil eines meiner zentralen Themen die Frage ist, wie sich die für Sie zukünftigen Bankenlandschaften meiner Zeit strukturieren, das heißt, entlang welcher Linien sich die ganze Bankenwelt in einzelne Banktypen unterscheiden läßt. Noch einen Schritt weiter stellt sich damit die Frage: Wie profiliert sich eine Bank am Anfang des 21. Jahrhunderts ? Wie schafft sie es, einzigartig zu sein ?

    Eine mögliche Strategie haben wir bereits ausführlich besprochen: Die Fokussierung auf eine bestimmte Kundenmentalität. Eine zweite nun besteht darin, sich auf der Beziehungsebene zu profilieren. Das wiederum ist auf allen drei Beziehungsebenen möglich:

    Es gibt Banken, die sich besonders auf der rationalen Ebene profilieren, etwa indem sie sich auf die Geschäftsbedürfnisse von Jungunternehmern spezialisieren oder immer die günstigsten Preise offerieren.

    Andere gewinnen Profil, indem sie die besten in bestimmten Beziehungsformen sind, also etwa die Bank mit dem persönlichsten Kontakt oder jene mit dem raffiniertesten Online-Banking-System.

    Schließlich gewinnen Banken Kunden, indem sie glaubhaft emotionale Wärme vermitteln, oder, auf deutsch gesagt, sympathisch sind.

    Kombinationen aller Art sind denkbar und existieren. Entscheidend auch hier: Hinter jedem klaren Profil steckt ein klarer und bewußter Entscheid, so und nicht anders sein zu wollen. Wischiwaschi wird auch hier nicht mehr verziehen.

    Konkreteres bald. Ihre Xenia Futura

     

    *****

     

    E-Mails aus der Banken-Zukunft (22):

    FROM: Xenia Futura

    TO: Zukunfts-Interessierte

    DATE: 24. Sep 2010 14:52:58

    RE: Die Bank für virtuelle Unternehmen

     

    Liebe Vorgeborenen

    Meine Lieblingsbank - und diesmal meine ich die mit dem Geld - profiliert sich auf der rationalen Ebene dadurch, daß sie sich als die Bank für virtuelle Unternehmen empfindet. Ich kann Ihnen deshalb an diesem Beispiel am besten schildern, was Profilierung auf der rationalen Beziehungsebene meint.

    Die ersten virtuellen Unternehmen gab es schon zu Ihrer Zeit, doch hat ihre Bedeutung in den letzten zwölf Jahren gewaltig zugenommen. Das hat verschiedene Ursachen. Die erste liegt an der bedeutsamen Zunahme der Zahl von selbständig Erwerbstätigen, wobei der Schritt dahin teils freiwillig, teils aber auch gezwungenermaßen erfolgte. Eine zweite liegt an der Tendenz vieler größerer und mittlerer Unternehmen, sich vollständig auf ihre Kernkompetenzen zu konzentrieren. Alles, was nicht dazu gehört, wird ausgelagert, das heißt, man beschäftigt keine eigenen Stäbe mehr dafür, sondern setzt von Fall zu Fall ein Team aus den besten externen Spezialisten auf konkrete Projekte an. Und schließlich gibt es auch in ganz normalen Produktions- oder Dienstleistungsunternehmen immer mehr Aufträge, die allein gar nicht erledigt werden können, sondern nur in einer Vernetzung mit anderen, wobei diese nur temporär bis zum Abschluß eines Auftrags oder Projekts besteht.

    In einem virtuellen Unternehmen arbeiten also verschiedene Teilnehmer zusammen, sowohl Einzelpersonen als auch Firmen, und zwar in der Regel auf Zeit. Virtuelle Unternehmen haben deshalb in der Regel keine der üblichen Rechtsformen und damit auch kein normales Eigenkapital. Die einzelnen Mitglieder arbeiten geographisch weit verstreut, es gibt keinen örtlich faßbaren Firmensitz und deshalb auch kein Archiv, in das alle Einsicht nehmen können. Fragen nach der Zeichnungsberechtigung bei Finanztransaktionen stellen sich anders als bei normalen Unternehmen. Das Liquiditätsmanagement stellt andere Herausforderungen. Und so fort.

    Ich erlebe das gerade am eigenen Konto. Die Kommunikationschefin meiner Bank, für die ich seit geraumer Zeit im Bereich der sprachlichen Sensibilisierung tätig bin (siehe E-Mail 20), hat sich nämlich an meinen eigentlichen Beruf als Philosophin erinnert und mich gefragt, ob ich nicht Teil eines virtuellen Teams werden möchte, das für ihre Bank eine wirklich stimmige Unternehmensphilosophie entwickeln und implementieren soll.

    Das Angebot nahm ich umso lieber an, als ich mich schon ab und zu darüber geärgert hatte, mit welcher Nonchalance manches Unternehmen behauptete, eine Philosophie zu haben, auch wenn es sich nur um eine zufällig zusammengewürfelte Sammlung von Plattitüden handelt. Dabei stecken solche Potentiale in einer in sich stimmigen und nach außen glaubwürdig vertretenen Unternehmens-Philosophie, daß es mir richtig weh tut, wenn diese Chancen nicht genutzt werden.

    Meine Lieblingsbank dagegen hat etwas getan, was erfolgreiche Unternehmen oft tun: Sie hat ihre Unternehmensphilosophie gelebt, bevor sie sie formuliert hat. Dazu gehört, daß Veränderungen im Markt nur dann eine Chance sind, wenn man nicht versucht, sie in die alten Denkkategorien zu pressen. Wer ein virtuelles Unternehmen behandelt wie ein traditionelles, muß deshalb unweigerlich scheitern, zu verschieden sind nicht nur die realen, rationalen Bedürfnisse, zu verschieden sind auch die Mentalitäten. Wenn sich eine Bank also virtuelle Unternehmen als Wunschpartner ausgeguckt hat, so die intuitiv richtige Erkenntnis meiner Lieblingsbank, dann muß sie sich dieser Partnergruppe auch mit Haut und Haar verschreiben.

    Und weil das wiederum nur geht, wenn man die Situation virtueller Unternehmen, ihre Risiken und Chancen, ihre Ängste und Hoffnungen, am eigenen Leib erlebt hat, ermuntert meine Bank ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter intensiv dazu, selber in solchen virtuellen Unternehmen tätig zu werden. Das geht deshalb, weil das keine Vollzeitbeschäftigung sein muß, sondern viele Möglichkeiten eines beschränkten Engagements offen läßt.

    Meine Bank betrachtet solche Nebenjobs ihrer MitarbeiterInnen nicht als Konkurrenz, sondern als ideale Ergänzung ihres Erfahrungshintergrunds, und sieht, daß ihr das in der Beziehung zu ihrer Klientel direkt nutzt. Was für ihre Intelligenz spricht ...

    Herzlichst Ihre Xenia Futura

     

    *****

     

    E-Mails aus der Banken-Zukunft (23):

    FROM: Xenia Futura

    TO: Zukunfts-Interessierte

    DATE: 24. Sep 2010 17:01:44

    RE: Die Bank im Cyber-Continent

     

    Liebe Vorgeborenen

    Justament um die Zeit herum, in der Sie diese Zeilen lesen, erschien im Internet eine neue Website, ein Informations- und Kommunikationsforum, das sich mit Fragen rund um die Zukunft beschäftigte (und das bis heute tut): www.forum-futurum.com

    Kernstück des entsprechenden Informationsangebots bildete damals ein Spiel von Fragen und Antworten zur Zukunft. Geantwortet hat "SensoNet" ein Netz aus zukunftssensiblen Evolutionärinnen und Evolutionären. Und dank der unbeschränkten Speichermöglichkeiten des Internets kann man heute noch sehen, welche Zukunftsbilder SensoNet damals, 1998 hatte, und was aus denen geworden ist.

    Darauf gebracht hat mich wieder die Kommunikationschefin meiner Lieblingsbank. Sie arbeitet dort schon ewig, weil diese Bank, so paradox das klingt, gerade auch in neuen Geschäftsfeldern auf Kontinuität und Erfahrung setzt, vor allem für die Kommunikation.

    Sie ist deshalb in Ausführung ihres Jobs auf eine winzige SensoNet-Antwort gestoßen, die ihre Kollegen in anderen Banken offenbar übersahen. Und diese Weitsicht wiederum hat meiner Lieblingsbank einen beträchtlichen Vorsprung auf einem wichtigen Gebiet eingetragen: der Online-Kommunikation zwischen Bank und Kunden.

    Um die gewaltige Bedeutungszunahme dieser Kommunikationsform gerade im Banksektor vorherzusagen, mußte man schon zu Ihrer Zeit nun wahrlich keine Prophetin sein, ebenso wenig übrigens wie für die Prognose, es bedürfe eines echten Generationenwechsels, bis Online-Kommunikation für alle selbstverständlich werde. Das bedeutet, daß es auch heute noch eine beträchtliche Zahl von Bankkunden gibt, die die Elektronik für die Kommunikation mit ihrer Bank entweder nicht nutzen wollen oder können - oder beides.

    Für die Mehrheit aber ist diese Kommunikationsform heute selbstverständlich, natürlich besonders für Kundinnen wie mich, die im Rahmen von virtuellen Unternehmen ja auch nicht ohne auskommen. Interessanter als die Frage nach dem ob dürfte deshalb für Sie jene nach dem wie sein.

    Genau darauf bezog sich jene SensoNet-Antwort, welche bei meiner Lieblingsbank schließlich zum strategischen Entscheid geführt hat, in ihren Internet-Auftritt mehr zu investieren als ein bißchen Geld, nämlich auch Intelligenz und Phantasie.

    Das war auch nötig, denn SensoNet hatte nicht mehr als einen vagen Hinweis geliefert. Die Frage war, wie man sich die virtuelle Welt vorstelle, in der man online Kontakt mit der Bank hätte. 26% hatten sich für die "Welt der Formulare" ausgesprochen, die nach dem Vorbild des schriftlichen Formularverkehrs gestaltet sei. Etwas mehr, nämlich 31%, prophezeiten eine "simulierte Schalterhalle", bei der eine reale Schalterhalle virtuell auf dem Bildschirm nachgebildet wird.

    Die größte Gruppe von SensoNet, nämlich 43%, also fast die Hälfte, sah "ganz neue virtuelle Welten" für die Kommunikation zwischen Bank und Kunde voraus. Und genau das gab "meiner" Kommunikationschefin zu denken.

    Es war ja auch eine echte Herausforderung, daß größere Teile der Kunden, und zwar, wie ihr schien, der interessantere Teil, sich nicht mit einer bloßen Nachbildung von Bekanntem zufrieden geben würden, sondern für die Online-Kommunikation mit ihrer Bank eine echte Innovation verlangten. Hier konnte man nicht auf bekanntes Beziehungswissen zurückgreifen, hier galt es, einen weitgehend neuen und deshalb unbekannten Kontinent zu entdecken und zu prägen: den Cyber-Continent.

    Und genau in dieser Metapher lag denn auch der Ansatz der Lösung, den meine Bank gefunden hat: Ein Kontinent besteht aus Landschaften, also braucht auch der Cyber-Continent so etwas wie Landschaften, in denen man sich begegnen kann. Wie das im einzelnen umgesetzt wurde, übersteigt Ihre Vorstellungskraft vermutlich, weshalb ich mich mit einem Beispiel begnüge: Das mit den "Geldströmen" können Sie sich ganz wörtlich vorstellen...

    Das Wort "Bankenlandschaft" hat so einen ganz neuen Sinn bekommen. Den Kundinnen und Kunden meiner Lieblingsbank jedenfalls gefällt es in ihrer Bankenlandschaft im Cyber-Continent, und nicht zuletzt deshalb bleiben sie ihr treu.

    Daß es auch ganz anders geht, erzähle ich Ihnen nächstes Mal.

    Bis dann Ihre Xenia Futura

     

    *****

     

    E-Mails aus der Banken-Zukunft (24):

    FROM: Xenia Futura

    TO: Zukunfts-Interessierte

    DATE: 24. Sep 2010 17:49:56

    RE: Die Gesprächsbanken

     

    Liebe Vorgeborenen

    Nicht jede Kommunikation zwischen Bank und Kunde spielt sich elektronisch online ab, auch heute nicht. Das habe ich bereits festgestellt. Man kann nun als Bank die verbleibenden "Restkunden" als hoffnungslos altmodisch und anachronistisch abqualifizieren. Oder man kann in dieser Haltung ein Potential sehen.

    Und genau das haben einige sehr erfolgreiche Banken getan. Meine Lieblingsbank gehört nicht unbedingt dazu, man kann nicht überall gleich gut sein. Immerhin habe auch ich bei meiner Bank jederzeit die Möglichkeit zu einem persönlichen Gespräch, wenn die Begegnung in der virtuellen Bankenwelt des Cyber-Continent nicht ausreicht, um offene Fragen zu klären, bei denen auch Emotionales mitschwingt.

    Was bei mir und meinen Mitkunden eher eine bewußt gewählte und gepflegte Ausnahme darstellt, ist bei der Kundschaft der sogenannten Gesprächsbanken die Regel. Während in den virtuellen Banken-Welten des Cyber-Continent die Gesprächspartner auf Seiten der Bank meistens künstliche Persönlichkeiten sind, sogenannte Avatare, und wir Kunden dieser Banken dies nicht nur akzeptieren, sondern sogar bevorzugen, sprechen die Kundinnen und Kunden von Gesprächsbanken in der Regel mit realen Menschen.

    Das geschieht normalerweise am Telefon, das heute jederzeit nach Bedarf um die Bildkomponente erweitert werden kann. Manchmal reicht auch das nicht, und dann braucht es ein persönliches Gespräch von Angesicht zu Angesicht. Und weil auch die Banken virtueller geworden sind und Schalter kaum noch kennen, und auch Büros deutlich weniger, finden diese Gespräche heute meistens zu Hause bei den Kunden statt.

    Daß dieser Service nicht gratis sein kann, versteht sich von selbst. Auch der Hausarzt berechnet für Hausbesuche einen Extratarif. Und letztlich genau diesem Modell sind die erfolgreichen Gesprächsbanken nachempfunden.

    Was auch kein Wunder ist. Nachdem die hohe Geistlichkeit kaum noch eine Rolle spielt, gibt es noch genau zwei Instanzen, die bei den meisten Menschen einen ziemlich intimen Einblick in deren Leben haben: Hausarzt und Hausbank (wenn wir vom Finanzamt mal absehen).

    Dabei geht es in beiden Fällen oft genug nicht um irgendwelche Kleinigkeiten, sondern um die existentiellen Dinge im Leben - und da kommen unweigerlich Gefühle ins Spiel. Und während es im Zeichen einer zunehmenden Individualisierung der Werte eine wachsende Zahl von Menschen gibt, die solche Dinge lieber für sich regeln und keine Außenstehenden einbeziehen wollen (wofür sich der Cyber-Continent hervorragend eignet), gibt es nach wie vor eine beträchtliche Zahl von Menschen, die auch ihre Gefühle mit anderen teilen möchten und deshalb in intensiven Situationen einen Menschen aus Fleisch und Blut als Gesprächspartner vorziehen.

    So weit brauchen wir gar nicht zu gehen: Für viele Menschen ist ein leibhaftiges fröhliches Lächeln nun mal durch die beste Computersimulation nicht zu ersetzen. (Zu denen gehöre ich auch, ich brauche es nur nicht unbedingt bei meiner Bank.)

    Kurzum: Es gibt nach wie vor und sogar in wachsender Zahl Kundinnen und Kunden von Banken, die überdurchschnittliche Erwartungen an die emotionale Ebene ihrer Bankbeziehung stellen. Sie können sich dabei immerhin auf ein Bankmodell berufen, das sich über lange Zeit bewährt hat: die eigentliche Privatbank. Dort war und ist das Verhältnis zwischen Bankier und Kunde immer auch ein persönliches und damit emotionales, und das Medium der Wahl für diese Art der Beziehung ist und bleibt das persönliche Gespräch.

    Leider ist dieses Medium ein teures. Es war deshalb unvermeidlich, daß es nicht mehr das normale Routinemedium einer Bankbeziehung ist, sondern selektiv dort eingesetzt wird, wo eine echte Nachfrage besteht. Wenn die persönliche Beziehung zwischen leibhaftigen Menschen samt Pflege der emotionalen Ebene ein zentraler Wert einer Kundin oder eines Kunden ist, dann ist ihnen das gute alte Gespräch auch etwas wert.

    Gesprächsbanken leben also davon, die emotionale Ebene der Beziehung zu ihren Kunden besonders zu kultivieren. Oder, wie es eine Freundin von mir, die dazu neigt, hoffnungslos romantisch zu sein, einmal formuliert hat: Für emotional intelligente Banken liegen Goldreserven nicht nur in den Tresoren, sondern auch in den Herzen ihrer Kundinnen und Kunden.

    Mehr Nüchternes bald von Ihrer Xenia Futura

     

    *****

     

    E-Mails aus der Banken-Zukunft (25):

    FROM: Xenia Futura

    TO: Zukunfts-Interessierte

    DATE: 1. Oct 2010 17:49:56

    RE: Die Entstehung der Arten

     

    Liebe Vorgeborenen

    Die leibhaftige Landschaft, die ich von meiner Lieblingsbank aus überblicke, präsentiert sich heute etwas nebelverhangen, was mich daran erinnert, daß der Ausdruck "Bankenlandschaften", der im Untertitel meiner Ausführungen auftaucht, für Sie noch reichlich nebulös sein muß.

    Schon aus meiner Wortwahl ersehen Sie natürlich, daß ich einfach eine hoffnungslose Romantikerin bin, die es liebt, mit den Ähnlichkeiten zwischen inneren und äußeren Landschaften zu spielen. Nur gilt dies heutzutage als durchaus rationaler Zugang zu komplexen Phänomenen. So wie lange vor Ihrer Zeit ein deutscher Politiker, dem man das gar nicht zugetraut hätte, einst sagte >Wer keine Visionen hat, ist kein Realist<, so gilt jetzt das Denken in Analogien als respektabler Lernpfad. (Es war übrigens, falls es Sie interessiert, Franz Josef Strauß, der das sagte...)

    Mein bevorzugter Blick auf die Bankenwelt ist deshalb jener einer Evolutionsforscherin. Die Welt der Banken ist für mich bevölkert von allerlei aufregenden Geschöpfen, die ich wie ein Biologe das Tierreich einteile in Klassen, Ordnungen, Familien und Gattungen. Was automatisch zur Frage führt, wie die Evolution diese Vielfalt hervorgebracht hat. Und aus diesem Verständnis der evolutionären Geschichte der Bankenwelt lassen sich dann auch Schlüsse über die künftige Entwicklung ableiten.

    Solches mag für Sie noch ziemlich unvertraut klingen. Schließlich ist eine Bank kein biologisches Geschöpf, sondern eine Schöpfung von menschlichen Gehirnen, und es geht dabei um hartes Geld, nicht um weiches Gewebe.

    Für uns Heutige ist das kein Widerspruch. Mit "Evolution" meinen wir längst nicht mehr bloß die biologische, sondern ebenso etwa die geologische oder aber eben auch die kulturelle Evolution. Und so betrachte ich voll interessiertem Staunen das Biotop der Banken, sehe ein ausdifferenziertes, hochkomplexes Ökosystem, in dem sich alle möglichen Arten von Banken tummeln. Was mich wie Charles Darwin auf den Galápagosinseln zur Frage nach der "Entstehung der Arten" führt.

    Die vulgäre Antwort lautet bekanntlich: "The Survival of the Fittest". Nun braucht man auch im Wettbewerb der Arten im Biotop der Banken nicht unbedingt ganz an der Spitze zu liegen, um zu überleben, doch die Parallelen zwischen der Evolution der biologischen und der Bankenarten sind unübersehbar: Es geht darum, welche Arten in einem stetigen Prozeß von Mutation und Selektion überleben.

    Was den evolutionären Prozeß besonders spannend macht, ist die Tatsache, daß sich die Spielregeln ändern können. Der Fitteste, also der am besten an seine Umwelt Angepaßte, muß dies nicht auf Dauer bleiben, wenn sich die Bedingungen ändern: Bei einer heftigen Klimaerwärmung wird der dicke Pelz, der in der Eiszeit hervorragend fit gemacht hat, plötzlich ziemlich hinderlich...

    Das gilt jedenfalls für den Eisbären, nicht aber für die menschliche Mantelträgerin, die ihren Pelz einfach auszieht, wenn ihr zu warm wird. Es gibt also doch Unterschiede zwischen der Evolution der Säugetiere und jener der Banken. Der wichtigste ist augenfällig: Letztere ist wesentlich schneller, sie hat einige hundert Jahre gedauert, jene der Tiere einige hundert Millionen.

    Woran liegt's ? An einem neuen Trumpf im evolutionären Spiel, dem menschlichen Geist. Dieser kann sich Alternativen zum Bestehenden ausdenken und hat viele Mittel und Wege gefunden, solche Ideen auch in die Realität umzusetzen. Dadurch wird die Zahl möglicher Mutationen enorm erhöht. Wo die Gene darauf angewiesen sind, daß sie ein radioaktiver Strahl wachküßt, damit eine Mutation entsteht, erlebt die kulturelle Evolution ein dauerndes Feuerwerk von Mutationen, hervorgebracht durch kreative Geister, die erst noch das Zusammenspiel ihrer Ideen mit der Umwelt im Geiste simulieren können, was die Zahl unnötiger Versuche reduziert.

    Jede Art in der heutigen realen Bankenlandschaft, ja jedes Individuum darin war einmal "nur" eine Idee. Doch nicht jede Idee, eine Bank zu gründen, hat erfolgreich überlebt. Der evolutionäre Prozeß von Mutation und Selektion, von Versuch und Irrtum, hat gespielt. Und er geht natürlich weiter.

    Über das Wie gleich mehr von Ihrer Xenia Futura

     

    *****

     

    E-Mails aus der Banken-Zukunft (26):

    FROM: Xenia Futura

    TO: Zukunfts-Interessierte

    DATE: 3. Oct 2010 15:15:51

    RE: Die Evolution nährt ihre Kinder

     

    Liebe Vorgeborenen

    Es muß im Jahre 1998 gewesen sein, als ich in einem schönen alten Schloß bei einheimischem Wildschweinbraten mit einem Bankier der guten alten Schule zusammensaß. Es war eine stürmische Zeit in der Finanz- und Bankwelt damals. Gerade hatte der Verwaltungsratspräsident einer kurz davor zu einem der größten Global Player fusionierten Schweizer Großbank seinen Hut nehmen müssen, weil besagte Bank in einem sogenannten Hedge Fund auf der Jagd ach dem schnellen Gewinn eine Riesensumme verloren hatte.

    Natürlich kam das Gespräch auch auf solche und andere Derivatgeschäfte. Mein Nachbar, der Bankier, der mit seiner Bank in einem bemerkenswert breiten Spektrum von Bankgeschäften Erfolg hatte, erklärte mir dazu frank und frei, er verstünde davon gar nichts, und es sei ihm so schleierhaft wie mir, wie man mit fünf Milliarden eine Hebelwirkung mit hundert Milliarden erzielen könne. Und selbstverständlich verzichte er darauf, bei solchen Geschäften mit zu mauscheln.

    Mit höherer Mathematik hätten diese Geschäfte angeblich zu tun, fügte er noch hinzu, doch in Wirklichkeit seien es einfach Wetten. Und man sah ihm an, wie es ihn ob der Vorstellung, eine solide Bank würde sich am Wettzirkus beteiligen wie irgendwelche halbseidenen Hinterhofzocker, innerlich schüttelte.

    In mir verstärkte sich damals ein gelindes metaphysisches Gruseln, das ich schon eine ganze Zeit lang gespürt hatte, als ich damals zum ersten Mal begann, mich tiefer in die Evolution der Banken einzudenken. Die Tatsache etwa, daß von manchen dieser Derivatgeschäfte nur eine Handvoll Spezialisten wirklich verstand, worum es da ging, bedeutete zum Beispiel, daß es kaum eine wirksame Kontrollmöglichkeit gab, weil jeder der raren Spezialisten viel lieber in der Suppe rühren würde als die Köche zu kontrollieren. Andererseits wurden bei diesen esoterischen Spielchen derartige Unsummen bewegt, daß der Ausfall eines großen Spielers das ganze Gebäude ins Wanken bringen konnte.

    Fest stand: Das globale Finanzsystem war derart komplex geworden, daß weder einzelne Menschen noch große Institutionen sich ernsthaft rühmen konnten, es wirklich zu überblicken oder gar zu durchschauen. Das UBS-Debakel hatte gerade deutlich gezeigt, daß auch die riesigen Wissen produzierenden Stäbe einer globalen Großbank keine Garantie dafür boten, wirklich ausreichendes Wissen zu produzieren.

    Nun erscheinen hochkomplexe Systeme immer labil und verletzlich. Nehmen Sie nur ein Ökosystem wie den menschlichen Körper: Ein paar Grad zu viel Körpertemperatur oder ein bißchen zu viel Zyankali - schon kollabiert das System.

    Was erstaunlich selten geschieht, die meisten Menschen sterben an natürlichen Alterungserscheinungen. Und so hat sich auch das Finanzsystem und mit ihm das Ökosystem Bankenwelt trotz vielfältiger Störungsmöglichkeiten bisher als erstaunlich stabil erwiesen.

    Mit wachsender philosophischer Gelassenheit habe ich gelernt, dieses erstaunliche Phänomen als Teil der evolutionären Wirklichkeit zu betrachten: Hochkomplexe Systeme sind zwangsläufig labil, und gerade deswegen halten sie sich so gut.

    Sie funktionieren dabei nach dem Prinzip der Selbstorganisation. Das heißt im Klartext: Würden wir Menschen versuchen, das ganze Finanzsystem von einem archimedischen Punkt aus zentral zu steuern und zu kontrollieren, so bräche es innert kürzester Zeit zusammen, wie unser Atem nicht funktionieren würde, wenn wir ihn die ganze Zeit bewußt steuern müßten.

    Mir hilft es manchmal, dieses selbstorganisierende evolutionäre Prinzip zu personalisieren und mir vorzustellen, was sich die Evolution wohl bei diesem oder jenem gedacht hat und nach welchen Prinzipien sie tickt. Dabei steht für mich eines fest: Die Evolution ist eine ziemlich konservative Dame. Sie setzt gerne auf Bewährtes, probiert keineswegs stets Neues aus und läßt Mutationen wie das Derivatgeschäft nicht in den Himmel wachsen. Was einmal existiert, wird von ihr so lange wie möglich am Leben erhalten: Die Evolution nährt ihre Kinder.

    Darum kann ich Ihnen auch nicht von spektakulären neuen Ästen am Baum der Banken-Evolution berichten. Grob betrachtet ähnelt die Bankenlandschaft Ihrer Zeit jener meiner ziemlich stark.

    Mehr Feinheiten bald von Ihrer Xenia Futura

     

    *****

     

    E-Mails aus der Banken-Zukunft (27):

    FROM: Xenia Futura

    TO: Zukunfts-Interessierte

    DATE: 3. Oct 2010 16:08:24

    RE: Selbst-Bewußtsein

     

    Liebe Vorgeborenen

    >Was ist schon ein Bankraub gegen die Gründung einer Bank ?<, fragte einst Bertold Brecht und dachte dabei an einen moralischen Vergleich von Bankräubern und Bankgründern. Nun würde heute so wenig wie in Ihrer Zeit jemand auf die Idee kommen, die Gründung einer Bank für unmoralisch zu halten. Eines aber ist geblieben: Es ist schwieriger, eine Bank zu gründen als eine auszurauben.

    Damit ergeht es der Bankenwelt wie jedem hoch entwickelten Ökosystem: Wo alle evolutionären Nischen längst erfolgreich besetzt sind, gibt es weder einen Grund für spektakuläre Neuschöpfungen, noch hätten diese eine große Überlebenschance.

    Selbst in weniger entwickelten Volkswirtschaften sind keine wirklich neuen Bankenarten zu entdecken. Natürlich mag es uns exotisch vorkommen, wenn in Indien eine Bank mit Krediten an Kleinbäuerinnen in der Höhe von 50 Dollar Erfolg hat - aber so was gab es bei uns auch mal.

    Umgekehrt hat sich bestätigt, daß der sogenannte Zwang zur Größe nicht wirklich zwanghaft ist, auch wenn es eine erfolgreiche Strategie der Banken-Evolution sein kann, durch Fusionen und Übernahmen Gebilde von einer solchen Größe zu bilden, daß der alte Grundsatz gilt "to big to fail !"

    Wenn man ohne falsche Häme, aber kritischen Blicks die Menge an Fehlern ins Auge faßt, die sich Großbanken leisten können, ohne die rote Karte zu Gesicht zu bekommen, dann ist dieses Überlebensprinzip offenbar tatsächlich wirksam. Aber es kann auch nicht das einzig wirksame sein, denn es gibt nach wie vor viele kleinere und mittlere Banken, die keinerlei Lust auf Fusionen haben und dennoch bestens überleben.

    Das Studium der Banken-Evolution läßt also nicht den Schluß zu, es gäbe eine einzige taugliche evolutionäre Strategie. Im Gegenteil: Die bunte Vielfalt an erfolgreichen Gattungen und Arten, welche sie hervorgebracht hat, zeigt doch, daß es für die erfolgreiche Evolution einer Bank kein Patentrezept geben kann. Da mögen noch so lautstarke Beraterheere verkünden, im Besitz der einzigen universellen und alleinseligmachenden Managementwahrheit zu sein. Sie werden an der alten evolutionären Wahrheit nichts ändern, daß man einer Kuh nicht beibringen kann, Walzer zu tanzen. Sprich: Eine Bank wird sich nur dann erfolgreich weiter entwickeln, wenn sie dabei Rücksicht nimmt auf das, was im Laufe ihrer bisherigen Evolutionsgeschichte gewachsen ist.

    Der politische Machtwechsel in Deutschland, der ja auch zu Ihrer Zeit stattfand, fußte nicht zuletzt auf einem Slogan, der in einer merkwürdigen Mischung aus Unbestimmtheit und Präzision das evolutionäre Lebensgefühl in einer gereiften Gesellschaft ausdrückt: "Nicht anders, nur besser !"

    Dabei geht es darum, nicht länger in die Oder-Falle zu tappen, sich für die eine oder andere Grundsatzposition entscheiden zu müssen, sondern es geht darum, Bewährtes zu optimieren. Die Fixierung auf den Shareholder-Value war eine der letzten Zuckungen des alten Maximierungsdenkens. Heute hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, daß die rücksichtslose Durchsetzung der Interessen eines Teils unweigerlich zum Untergang des Ganzen führen muß, wie bei Krebsgeschwüren im Körper.

    Gut, ich gebe zu, wir haben es heute psychologisch gesehen etwas leichter, weil ein frisches und weit offenes Jahrhundert vor uns liegt und wir deshalb wieder weiter in die Zukunft denken können, aber eigentlich hätte der gesunde Menschenverstand schon damals wissen müssen, daß es dem Krebsgeschwür zwar prächtig geht, wenn man die Sache kurzfristig betrachtet, allerdings auch nur dann.

    Gesunder Menschenverstand hätte allerdings auch verhindert, daß brave Regionalbanker sich, vom Duft der großen weiten Welt verlockt, in abenteuerliche Geschäfte im wilden Westen oder Osten verstrickten. Diese Fieberblasen sind abgeklungen, weil eine Besinnung auf eine gute alte Weisheit stattgefunden hat: Schuster, bleib bei Deinen Leisten - welcher Art diese auch immer seien !

    Das erfordert ein gesundes evolutionäres Selbst-Bewußtsein: Selbstvertrauen aufgrund der Kenntnis seiner Stärken, Potentiale und Grenzen. Nicht davon träumen, etwas ganz anders sein zu wollen, sondern werden, was man ist. Diese Art evolutionärer Optimierung ist die einzige universale Erfolgsstrategie, die ich kenne, bei Menschen wie bei Banken...

    Beispiele dafür gleich von Ihrer Xenia Futura

     

    *****

     

    E-Mails aus der Banken-Zukunft (28):

    FROM: Xenia Futura

    TO: Zukunfts-Interessierte

    DATE: 3. Oct 2010 18:08:59

    RE: Heidi in Frankfurt

     

    Liebe Vorgeborenen

    Ich kenne im deutschsprachigen Raum nur einen Ort, an dem das Wort von den Bankenlandschaften in Form von Stein und Beton, Glas und Stahl zur greifbaren Gestalt wird: Frankfurt. Die Skyline dort wird dominiert vom neckischen Spiel der Banken: Wer hat den größeren (Turm natürlich) ?

    Als winziges Menschlein komme ich mir nicht nur in den Straßenschluchten zwischen diesen Bürotürmen ziemlich verloren vor, sondern auch darin. Ich war da schon ab und zu, und jedesmal habe ich einen Hauch von Kafka verspürt. Ohne Lotse würde man sich in den endlosen Bürofluchten schnell hoffnungslos verirren. Und schon beim Empfang gerät man als Besucherin mitten in einen heftigen bürokratischen Formularkrieg.

    Hecktisch ist die Atmosphäre, es summt und brummt wie in einer Fabrik, nur gedämpfter. Und tatsächlich erinnert eine solche Großbank an eine gigantische Maschinerie, gesteuert und geregelt bis ins letzte Detail nach den Gesetzen der Effizienz. Nicht ohne Grund spricht man von der Finanzindustrie. Industriell sind die Fertigungsprinzipien, es herrscht die Economy of Scales: Je mehr, desto besser.

    Zugegeben, der Blick von ganz oben ist atemberaubend. Doch als Kind der Berge, das ich selber bin, kann ich in einem solchen Betrieb der Finanzindustrie nachfühlen, wie sich Heidi in Frankfurt gefühlt haben muß: Alles zu durchorganisiert, reglementiert, zu maschinenhaft, zu wenig organisch.

    Nur ein paar wenige Schritte entfernt von einem dieser Türme liegt ein unscheinbares altes Bürgerhaus, das eine kleine, aber feine Privatbank beherbergt. Hier geht Qualität vor Quantität, man achtet peinlich darauf, nur ja nicht zu viele Kunden zu haben, dafür die richtigen. Die Atmosphäre ist ruhiger und gelassener als gegenüber. Subtile Details im zwischenmenschlichen Umgang sind hier wichtiger als Wachstumsraten. Hier paßt der gute alte Begriff vom gepflegten Bankgewerbe.

    Die kurze Distanz in Metern zwischen diesen beiden Banken steht für die Einsicht, daß Welten dazwischen liegen. Hier die Verkörperung der Finanzindustrie, ein nach dem Vorbild einer Maschine organisierter, quantitativ ausgerichteter Koloß, dort ein Exemplar des Bankgewerbes, organisiert wie ein Organismus, an qualitativen Werten orientiert.

    Als alpenländische Philosophin habe ich den Grundsatz "Small is beautifull" verinnerlicht, und so wird es Sie nicht erstaunen, daß Heidis Sympathien in Frankfurt eher zur Seite des kleinen, aber feinen gewerblichen Modells neigen. Nichtsdestotrotz kann ich als Erforscherin der Banken-Evolution auch so weit abstrahieren, daß ich zur Feststellung gelangen kann: beides funktioniert.

    Das ist im Tierreich nicht anders, auch dort gibt es Raum für Elefanten und für Spitzmäuse. Interessant wird diese Beobachtung dann, wenn wir nach einem langen Umweg wieder zu unserem eigentlichen Thema zurückkehren: Wie unterscheiden sich Banken untereinander durch die Art des Inhalts und der Organisation ihres Wissens ?

    Wissen als zentraler Rohstoff, Informationsveredelung als Quelle des Mehrwerts: Daß dies beides für die Banken ganz besonders gilt, hatten wir schon festgestellt. Und anhand von zwei Wissensfeldern, dem Kundenwissen und dem Beziehungswissen, haben wir diskutiert, wie sich Banken durch Fokussierung auf ein bestimmtes Wissen profilieren können, solange sie dabei selbstbewußt sich selber bleiben und dadurch authentisch wirken.

    An dieser Stelle möchte ich nun noch eine weitere Ebene einbringen, nämlich gleichsam das Wissen über das Wissen: Wie entsteht das Wissen einer Bank, von dem sie letztendlich lebt ? Wie erwirbt, speichert, verarbeitet eine Bank ihr Wissen ? Wie geht sie Lernprozessen um, wie plant und organisiert sie diese ?

    Es geht mir dabei darum, eine weitere Form der Clusterbildung zu erproben, mit deren Hilfe wir Bankenlandschaften differenzieren können. Im Mittelpunkt steht dabei die Frage: Wie organisieren die unterschiedlichen Arten von Banken ihr Wissen ? Wobei ich den Verdacht habe, daß es bei einigen Arten heißen müßte: Wie organisiert sich ihr Wissen ?

    Konkreteres dazu gleich mehr auf diesem Kanal von Ihrer Xenia Futura

     

    *****

     

    E-Mails aus der Banken-Zukunft (29):

    FROM: Xenia Futura

    TO: Zukunfts-Interessierte

    DATE: 3. Oct 2010 18:58:34

    RE: Der Adelst(r)ick

     

    Liebe Vorgeborenen

    Wo ich gerade schon bei Heidi in Frankfurt war: Als Alpenländerin aus der Schweiz habe ich republikanische Gesinnung schon mit der Muttermilch eingesogen und deshalb immer etwas Mühe gehabt mit der Idee des Adels. Na ja, irgendwie paßt das Phänomen, daß die Abstammung von einer bestimmten Genlinie sowohl Privilegien verschafft als auch verpflichtet, nicht ganz zur Vorstellung, alle Menschen seien gleich, jedenfalls gleich geboren.

    Ich habe dann im Verlaufe meines Lebens so viele leibhaftige Vertreterinnen und Vertreter dieses Standes kennengelernt, daß ich sagen konnte: Auch das funktioniert und macht Sinn. Vollends überzeugt hat mich aber eigentlich erst das Kennenlernen einer Bankierfamilie, die den Adelstrick geradezu in Vollendung verkörpert, obwohl sie gar nicht von Adel ist. Der Trick, um es vorwegzunehmen, besteht in einer besonders erfolgreichen Organisation von Wissen über Generationen hinweg. Ob dabei die Gene oder das familiäre Milieu die größere Rolle spielen, können wir ruhig offenlassen. Wichtig sind bei diesem Trick zwei Elemente: Wissen erfolgreich zu sammeln und weiterzureichen, aber auch, es immer wieder erfolgreich anzupassen und zu erweitern.

    Um meine kryptischen Worte zu erhellen, werfen wir einen Blick auf eine Innovation der Banken-Evolution in den Neunzigern. Es geht um das sogenannte Direct Banking, präziser um das Direct Broking. Gemeint ist, daß Anlegerinnen und Anleger, die genau wissen, wann sie welche Aktien kaufen oder verkaufen wollen, dies nicht mehr über das normale Prozedere bei einer Bank tun, das üblicherweise auch ein Stück Beratung enthält und entsprechend viel kostet, sondern direkt online, über Telefon oder E-Mail ihre Orders erteilen , was die Transaktion preisgünstiger macht. Deshalb heißen entsprechende Anbieter auch Discount Broker.

    Gegen Ende Ihres Jahrhunderts nun gab es in Deutschland einige dieser neuartigen Banken, allesamt übrigens direkte Ableger bzw. Töchter von etablierten Bankinstituten, was die These belegt, es gebe in der Bankenwelt selten wirklich neue Arten. Wie zu erwarten, waren die Mütter der erfolgreichsten unter den neuartigen Discount Brokern Großbanken mit dem entsprechenden Kapital und der intellektuellen Power, die es braucht, um eine amerikanische Erfindung in den deutschen Markt zu pushen.

    Nur ein Geschöpf unter den Top Five dieses neuen Zweigs am Baum der Banken-Evolution tanzte aus der Reihe. Seine Mutter war nämlich keine Großbank, sondern eine mittlere private Regionalbank, deren persönlich haftender Besitzer ungefähr in der siebten Familiengeneration dieses Bankhaus führte, grundsolide, aber nie eine Gelegenheit auslassend, seinen Tätigkeitsbereich auszuweiten, sei es geographisch oder inhaltlich, wobei er vorsichtig genug war, nicht in durchaus bereitstehende Fallen zu tappen, also etwa zu schnell zu groß werden zu wollen. (Jaja, sie ahnen es schon, es handelt sich um meinen Tischnachbarn vom Wildschweinschmaus...)

    Auf die Idee mit dem Discount Broking nun kam nicht, wie vermutlich im Falle der Großbanken, ein großzügig ausgestatteter Stab von Markt- und Zukunftsforschern, sondern sein Sohn, also die nächste Generation. Und die Basis dieser Idee war keine systematische Evaluation, sondern ein kleiner Perspektivenwechsel. Besagter Sohn nämlich war selber ein begeisterter Privatanleger und realisierte schnell, daß für Leute wie ihn ein entsprechendes Angebot fehlte. Nach dem Motto mancher Schriftsteller, wonach sie die Bücher schreiben würden, die sie lesen wollten, und die es aber nicht im Angebot gäbe, gründete er zusammen mit einem Freund die Bank, die er brauchte und wollte, mit Erfolg, wie sich zeigte.

    Über so viele Generationen hinweg ein Wissen um das Funktionieren einer Bank anzusammeln und weiterzureichen und dabei erst noch die Fähigkeit auszubilden und aufrechtzuerhalten, nicht nur das Bewährte weiterzutragen, sondern auch neue Potentiale zu entdecken und zu entwickeln - das ist schon ein besonders gelungenes Kunststückchen der Banken-Evolution, vor dem ich meinen Hut ziehen würde, hätte ich den einen solchen auf.

    Natürlich ist dieser Adelstrick bei der Akkumulation von Wissen nicht der einzige, der funktioniert. Wir werden weitere sehen.

    Mit höflichstem Respekt: Ihre Xenia Futura

     

    *****

     

    E-Mails aus der Banken-Zukunft (30):

    FROM: Xenia Futura

    TO: Zukunfts-Interessierte

    DATE: 4. Oct 2010 11:28:13

    RE: Talentschuppen

     

    Liebe Vorgeborenen

    Aus dem Jahr 1997 habe ich die Einschätzung eines Zukunftsszenarios durch "SensoNet", ein Netz von zukunftssensiblen Evolutionärinnen und Evolutionären, gefunden, das ich Ihnen nicht vorenthalten möchte:

    >Noch zu einer weiteren Zukunftsidee, die diesmal allerdings alte Wurzeln hat: bargeldloser Tauschhandel. Innerhalb einer kleineren oder größeren Gruppe werden dabei Produkte und Dienstleistungen reihum getauscht: A schneidet B die Haare, diese wiederum gibt C eine Massage, der D eine Übernachtungsmöglich-keit bietet, während diese E Tanzunterricht gibt. Und so fort.

    Abgerechnet wird in einer fiktiven Währung, die z.B. "Talente" heißt. Soll und Haben werden auf einem Konto verrechnet. Wer "Talente" hortet, also ein Plus auf dem Konto hat, zahlt dafür Strafzinsen, womit ein schnellerer Umlauf des Tauschhandels erreicht werden soll.

    Hintergrund ist die Idee, unter Ausschaltung der anonymen Geldmechanismen, die zu Kapitalakkumulation führen, zu einer ursprünglicheren und direkteren Form der Ökonomie zurückzukehren, dem Tauschhandel zwischen einzelnen Menschen und kleinen Gruppen. Mit den heutigen technischen Mitteln ist diese Form der Ökonomie auch leicht zu realisieren.

    Was glauben Sie: Hat diese Idee in den nächsten Jahren Chancen, zu einer echten Alternative zum normalen Zahlungsverkehr zu werden ?<

    Ungefähr jede(r) sechste Befragte sprach von "guten bis sehr guten" Chancen, fast jede(r) Vierte gab dem Szenario gar keine Chance. Die Mehrheit, 60%, meinte: Chancen gibt es (nur) in speziellen Gruppen und Gebieten.

    Und genau so ist es gekommen. Natürlich hat eine solche Idee nicht den Hauch einer Chance gehabt, sich als echte Alternative, sprich als Ersatz für das traditionelle Geldsystem zu etablieren - dazu sind dessen Vorteile zu groß und das evolutionäre Trägheitsmoment zu stark. Doch genau in den vorhergesagten Nischen hatte die Idee eine Chance. Und sie wurde genutzt.

    Wenn ich heute ins Internet gucke, finde ich jede Menge Gruppen, die untereinander alles Mögliche tauschen und die entsprechenden Guthaben in einer eigenen Währung verrechnen. Tatsächlich hat sich dafür die Bezeichnung "Talente" eingebürgert, weshalb man solchen Gruppen leicht hintersinnig als von "Talentschuppen" spricht.

    Die Gründe für das Aufblühen dieser Talentschuppen liegen sowohl in der ökonomischen Entwicklung als auch in Einsichten begründet. Sie ermöglichen Zugang zu Dienstleistungen, die auf dem offiziellen Markt für Viele unerschwinglich geworden sind, und sie vermitteln ein Stück sozialer Wärme.

    Deshalb sind es auch längst nicht mehr bloß lila-grün angehauchte Menschen, die in solchen Gruppen mitmachen. Manche sind aus gewöhnlichen Dorfvereinen entstanden, andere wiederum vereinigen hochqualifizierte Knowledge Worker, welche gerne in Netzwerken arbeiten, ohne gleich in einer Firma mitzuwirken, und sei es nur einer virtuellen.

    Das Schlüsselsätzchen im obigen Szenario lautete: "Mit den heutigen technischen Mitteln ist diese Form der Ökonomie auch leicht zu realisieren." Tatsächlich besteht bei den meisten Talentschuppen die eigentliche Bank, die zur Abwicklung des Tauschhandels benötigt wird, und die ja teilweise die Funktion einer Notenbank ausübt, aus nichts mehr als einem PC und einer Webmasterin, die für ihre Dienste auch in Talenten entschädigt wird. Vernetzt sind ohnehin alle, und die nötige Software bekommt frau für einen Appel und ein Ei.

    Entscheidend ist längst nicht mehr die Informationstechnologie, sondern das, was man mit ihr macht. Oder wie es der zu Ihrer Zeit gerade abtretende Bundeskanzler Kohl so schön formuliert hat: Entscheidend ist, was hinten rauskommt...

    Und das spielt sich eben nicht auf der Ebene der eigentlichen finanziellen Transaktionen ab, egal ob in Euro oder in Talenten, sondern auf der Ebene der sozialen Vernetzung: Die Talentschuppen schaffen einen transparenten virtuellen Marktplatz und knüpfen so effiziente Fäden zwischen Angebot und Nachfrage. Sie schaffen Wissen darüber, wo es interessante Anbieter oder Kunden gibt, aber auch, wo es interessante Menschen gibt. Sie funktionieren als Netzwerkknoten - genau wie eine moderne Bank. Und die haben davon gelernt.

    Mehr gleich von Ihrer Xenia Futura

     

    *****

     

    E-Mails aus der Banken-Zukunft (31):

    FROM: Xenia Futura

    TO: Zukunfts-Interessierte

    DATE: 4. Oct 2010 13:08:01

    RE: Universalienstreit

     

    Liebe Vorgeborenen

    Zu den größten Irritationen an diesem an Merkwürdigkeiten nun gewiß nicht armen 20. Jahrhunderts gehört es für mich, daß es bis zuletzt an einer seiner größten Unsitten festgehalten hat: dem Universalienstreit.

    Damit ist ganz schlicht die Frage gemeint, was richtig sei - ohne Zusatz von "für wen ?" oder "in welcher Situation ?", sondern einfach so, nackt und brutal voraussetzend, es gäbe so etwas wie ein universell gültiges richtig oder falsch. Die auf derart schludrigem Denken aufbauenden Ideologien des 20. Jahrhunderts haben, so könnte man meinen, so viel Leid über die Menschen gebracht, daß deren Basis, der Glaube an die einzige Wahrheit, ein für allemal diskreditiert sein müßte.

    Dem war aber nicht so. Unendlich banalisiert, gottseidank, gab es auch noch gegen Ende dieses Jahrhunderts so manchen Universalienstreit. Zum Beispiel darüber, ob eine Bank ihre Informationstechnologie selber im eigenen Haus betreiben müsse, oder ob es besser sei, per Outsorcing Informatikdienstleistungen außer Haus einzukaufen. Die Kurse der jeweiligen Meinungen gingen rauf und runter wie die Rocklängen, mal dominierten die einen ein paar Jahre, dann wieder die anderen.

    Und alle beide merkten lange nicht, daß sie längst die falschen Fragen stellten. Sie waren geblendet von der allgemeinen Übereinstimmung darüber, daß die Entwicklung der Banken in allererster Linie "IT driven" sei. Und natürlich konnte man sich schon zu Ihrer Zeit eigentlich keine Bank mehr vorstellen, die erfolgreich wäre ohne die Nutzung aller Möglichkeiten des jeweiligen Stands der Informationstechnologie.

    Die Frage war nur schon damals, woraus diese IT eigentlich besteht. Dabei war früh klar, daß die Frage, wo ein Großrechner steht, sekundär ist: In modernen Rechenzentren war längst nicht mehr der Raum mit dem Rechner der am besten geschützte, sondern jener mit den Datenleitungen rein und raus: Jeder Rechner kann ausfallen, umso wichtiger ist, daß sofort ein anderer einspringt, und der kann überall stehen.

    Entscheidender also ist schon lange die Software, aber auch die setzt sich zusammen aus verschiedenen Ebenen. Wenn ich etwa E-Mails wie diese schreibe und versende, ist dabei eine Menge Standardsoftware im Spiel, Textverarbeitung und so. Viel wichtiger aber ist das, was ich die Meta-Software nenne, also die Inhalte, meine Worte und der hoffentlich dahinter steckende Sinn. Daß ich über die Standardsoftware verfüge und sie nutzen kann, verschafft mir noch keinen müden Euro als Einkommen. Mehrwert wird erst geschaffen bei mehr oder weniger virtuoser Handhabung der Meta-Software.

    Vor genau derselben Situation standen die Banken, und besagte hat sich in der Zwischenzeit eher noch verschärft. Wie das Beispiel der Talentschuppen zeigt, kann heute ein normaler PC das leisten, wofür es früher wirklich eine kleine Bank gebraucht hat. Und für ein paar Euros oder Dollars mehr hat heute jede Anlegerin Zugang zu allen Börsendaten in Real Time. Was schließlich die Stäbe für Wirtschaftsforschung betrifft, auf die sich die Banken gerne berufen, so kochen auch diese oft genug nur mit CNN, und das kann ich auch.

    Selbstverständlich ist somit die Informationstechnologie eine strategische Schlüsselposition jeder Bank, doch kommt es nicht darauf an, was sie hat, sondern daß sie genau weiß, was sie damit machen kann und will. Ein einfaches Beispiel: Alle haben heute die technischen Möglichkeiten, sehr individualisierte Briefe oder E-Mails zu schreiben. Ob Sie aber die Leserinnen und Leser eines Bulletins mit "Hi Folks !" anreden oder mit "Hochwohlgeborene Leserschaft !" ist eine Stilfrage, und die nimmt Ihnen auch heute noch kein Computer ab. Und auch keine Stillehre mit universellem Anspruch.

    Die Informationstechnologie ist also ein unverzichtbares Werkzeug jeder Bank bei der Produktion von wertschöpfendem Wissen, aber dieses Wissen erschöpft sich nicht im Wissen über IT. Wertschöpfendes Wissen entsteht zum Beispiel, das haben viele Banken von den Talentschuppen gelernt, wenn man einen Netzknoten bildet und Menschen und Institutionen zusammenbringt, egal ob zu einem lokalen Investorclub oder zu einem globalen Spezialistennetz.

    Auf bald Ihre Xenia Futura

     

    *****

     

    E-Mails aus der Banken-Zukunft (32):

    FROM: Xenia Futura

    TO: Zukunfts-Interessierte

    DATE: 4. Oct 2010 14:27:37

    RE: Organische Ränder

     

    Liebe Vorgeborenen

    Maschine oder Organismus ? Nach welchem Modell organisiert sich eine Bank ? Bei dieser Frage in einer meiner früheren E-Mails habe ich bisher eine wichtige Anschlußfrage ausgelassen: Hat das Vorbild der Maschine, nach dem vor allem die großen Banken zwangsläufig gestrickt sind, überhaupt noch eine Chance ?

    Aufmerksame Leserinnen und Leser erinnern sich daran, daß die Ansprüche der Bankkunden auf der Beziehungsebene wachsen: Man will nicht als Nummer oder Fall behandelt werden, sondern als individueller Mensch respektiert. Das bedeutet eigentlich die Notwendigkeit zum vermehrten Einsatz realer Menschen, doch das ist für das Massenpublikum großer Banken kaum zu bezahlen. Diese müssen deshalb auf IT setzen, und das ist eigentlich ein Widerspruch.

    Nun erlaubt allerdings die heutige IT so viel Individualisierung, daß sie zumindest ein gutes Surrogat in Sachen individueller Ansprache ermöglicht. Und auch anspruchsvolle Kunden können mit einem hervorragenden Surrogat leben und sich ernst genommen fühlen - solange man das Surrogat nicht als Realersatz anpreist. Der Spagat zwischen Standardisierung und Personalisierung ist zwar eine echte Herausforderung, aber mit genügendem Investment an Intelligenz zu schaffen.

    Womit wir beim Stichwort wären: Schafft es eine große, nach dem Modell einer Maschine organisierte Bank auch in Zeiten des Wandels, genügend Wissen und Intelligenz zu organisieren? Die unausgesprochene Skepsis hinter dieser Frage rührt daher, daß wir heute großen, industriell organisierten Institutionen tatsächlich nicht mehr automatisch zutrauen, Wissen zu produzieren. Spätestens seit der riesige CIA etliche Male keine Ahnung hatte, was in den beobachteten Ländern wirklich abging, glaubt niemand mehr, daß bei der Organisation von Wissen gälte "the bigger, the better".

    Wir kennen auch die Gründe dafür. Mit wachsender Größe produziert jede Organisation exponential wachsende Reibungsverluste, und kollektive Intelligenz wächst nun mal durch Reibungsgewinne bei frei fließendem Wissensfluß. Dazu kommt die nie zu bannende Gefahr von Betriebsblindheit: Für das Unerwartete existiert dann oft genug keine Schublade und damit nicht einmal eine Wahrnehmungskategorie.

    Nun möchte ich nicht bestreiten, daß es gerade für Banken Wissens- und Lerngebiete gibt, in denen das systematische Arbeiten einer großen wissensproduzierenden Organisation Sinn macht. Und ebenso klar ist, daß man nicht die seriösen volkswirtschaftlichen Stäbe der Großbanken Knall auf Fall in chaotische Innovationscamps verwandeln kann.

    Es wäre grundsätzlich eine Illusion, man könne eine Großorganisation, die nach dem Modell der Maschine organisiert ist, mir nichts, Dir nichts nach dem Modell des Organismus umstrukturieren. Obwohl es gute Gründe für die Annahme gibt, daß auf Dauer die organischen Modelle der Organisation kollektiver Intelligenz den mechanischen überlegen sein könnten, ist das bei den ohnehin schwer manövrierbaren Supertankern, die Großbanken nun mal sind, eine Frage von Jahrzehnten und nicht von einzelnen Jahren.

    Die intelligenteren unter den Großen haben erkannt, daß sie dennoch etwas tun müssen, um der Gefahr der Abschottung und damit der Erstarrung zu entgehen. Sie haben zu Recht die sensiblen Stellen an ihren Rändern lokalisiert: Gerade ein wohlorganisiertes System braucht Impulse und Anregungen von außen in Form von frischen Ideen. Deswegen brauchen diese Systeme Fühler nach außen, in die chaotischere, organischere Welt jenseits der eigenen Tunnelrealität.

    Ich habe zwar schon in den Achtzigern Äußerungen von Banken gefunden, wonach sie wüßten, daß die wirklich neuen Ideen nur von "Spinnern" kommen könnten, doch so richtig ernst genommen hat diese Einsicht lange Zeit kaum jemand. Heute ist es schon fast normal, daß sich eine Bank eine Spinnerin wie mich hält, um ein paar neue geistige Perspektiven zu erproben. Es geht dabei um symbolische Schnittstellen zwischen den Chips der geordneten Maschinenwelt und den Nervensträngen lebendiger und damit chaotischer Organismen.

    Andere halten gar eigentliche Hofnarren, die wie früher ungestraft auf Wahrheiten hinweisen dürfen. Das setzt auf Seite der Bank Größe voraus - geistige, nicht finanzielle...

    In diesem Sinne Ihre Xenia Futura

     

    *****

     

    E-Mails aus der Banken-Zukunft (33):

    FROM: Xenia Futura

    TO: Zukunfts-Interessierte

    DATE: 5. Oct 2010 10:13:54

    RE: Vertrauenszins

     

    Liebe Vorgeborenen

    An jeder Wirtschaftsuni werden heutzutage unter dem Stichwort "Krisenmanagement" zwei Fälle nachgespielt, die im Jahr 1998 innerhalb eines Monats zwei große Schweizer Unternehmen betrafen. Die beiden Fälle sind nicht direkt vergleichbar: Im ersten verloren bei einem Flugzeugabsturz über 200 Menschen ihr Leben, im zweiten hatte die damals zweitgrößte Bank der Welt mal eben eine Milliarde in den Sand gesetzt.

    Nur an den besseren Unis wird auch der Begriff des Krisenmanagement hinterfragt. Ohne Zweifel hatte in den beiden erwähnte Fällen ein gutes Krisenmanagement stattgefunden. Man kann nicht adäquat mit solchen Situationen umgehen, wenn man sie nicht vorher simuliert und sich viele Gedanken darüber gemacht hat - und das sind Managementaufgaben.

    Es verblieb allerdings in beiden Fällen ein Rest, der sich außerhalb jener Bereiche abspielte, die man managen kann. Dabei ging es um Fragen wie, wer das Unternehmen in einer solchen Situation nach außen vertritt und wie es diese Menschen tun. Menschliche Qualitäten waren gefragt, Stil, emotionale Intelligenz. Weiche, qualitative Faktoren also, die sich jeder systematisch vermittelbaren Managementtheorie hartnäckig entziehen.

    Immerhin ging es für beide betroffenen Unternehmen um eine Mengen, genau gesagt um ziemlich alles. Die Grundlagen ihrer Existenz waren akut bedroht. Natürlich hatte die Swissair, etwas zynisch formuliert, noch genug übriggebliebene Flugzeuge, und die UBS ging wegen der Milliarde, die sie verspekuliert hatte, auch nicht gleich bankrott. Bedroht war ein viel subtileres Kapital, von dessen Zinsen beide lebten und leben: Vertrauen.

    Einer Fluggesellschaft vertraut man sein kostbarstes Gut an, sein Leben, einer Bank das für die meisten zweitwichtigste, sein Geld. In beiden Fällen weiß der rationale Verstand in uns, daß es keine absolute Gewißheit darüber geben kann, ob die Sache gut geht, höchstens eine hohe Wahrscheinlichkeit, die wir dann Vertrauen nennen, was in Wirklichkeit eine Vorinvestition aufs Geratewohl hohen Grades ist.

    Um die damit verbundene Unsicherheit zu reduzieren, um also herauszufinden, ob jemand unser Vertrauen verdient, benutzen wir keineswegs nur die kühl rechnenden Teile unseres Gehirns, sondern auch jene, die auf Gefühlen, subtilen weichen Faktoren und Intuition aufbauen. Und weil es dabei um einiges geht, erstaunt es kaum, daß es viel braucht, um Vertrauen aufzubauen, aber wenig, um es zu zerstören. Dabei verhält es sich mit dem Vertrauenskapital wie mit dem pekuniären: Wenn man nicht mehr von den Zinsen leben kann, sondern das Kapital angreifen muß, läuft etwas grundsätzlich schief.

    Wenn somit Vertrauen die Kapital- und Zinsbasis ist, von der jede Bank lebt, kommt dem Wissen darüber, wie man Vertrauen aufbaut und pflegt, entscheidende Bedeutung zu. Und eines kann ich Ihnen versichern: Es ist auch im 21. Jahrhundert weit und breit kein Computerprogramm in Sicht, daß diese Art von Wissen enthält oder gar produziert.

    Das Wissen um Vertrauen sitzt vielmehr dort, wo auch eine Menge anderes Wissen sitzt: In den Köpfen, und wie ich gerne hinzufüge, in den Herzen jener Menschen, welche zusammen eine Bank bilden.

    Dabei kann die Filialleiterin in Hintertupfingen noch so integer und vertrauenswürdig sein: Wenn die ganz oben Hinterhofzocker spielen, nützt das weder ihr noch ihrer Bank viel. Der Fisch stinkt tatsächlich vom Kopf her, und zwar unabhängig davon, ob sich eine Bank in der Finanzindustrie oder im Bankgewerbe tummelt.

    Daß eine Bank gut rechnen kann und ihr Geschäft versteht, wird von den heutigen anspruchsvollen Kundinnen und Kunden als selbstverständlich vorausgesetzt. Ob sie vertrauenswürdig ist, entscheidet sich an anderen Fragen: Wer macht in der Bank auf welche Weise Kariere ? Hat die Bank, und haben vor allem ihre Repräsentanten noch etwas anderes im Kopf als Zahlen ? Verkörpert sie Werte, die über die Erhöhung der Eigenkapitalrendite hinausgehen ?

    Wenn solche Fragen relevant werden, und das tun sie verstärkt, wenn auch bei weitem (noch) nicht bei allen Kunden, dann wird gerade für die Banken eine alte Weisheit wahr: Werte sind was wert !

    Bis demnächst, Ihre wertbeständige Xenia Futura

     

    *****

     

    E-Mails aus der Banken-Zukunft (34):

    FROM: Xenia Futura

    TO: Zukunfts-Interessierte

    DATE: 5. Oct 2010 13:33:00

    RE: Mitwisser

     

    Liebe Vorgeborenen

    Zu den Büchern, welche intelligentere Manager beiderlei Geschlechts schon um die Jahrtausendwende als zu verstaubt aus ihren Regalen aussortiert haben, gehören jene über die Motivation von Mitarbeitern. Das geschah nicht etwa, weil es für Unternehmen wie eine Bank unwichtiger geworden wäre, daß ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ihr Bestes geben - ganz im Gegenteil. Gerade weil sie erkannten, daß es keine intelligente Bank ohne intelligente Mitarbeiter geben kann, verzichteten sie auf unwirksame Methoden, dieses Potential zu nutzen.

    Und Mitarbeiter motivieren zu wollen, erinnert heute fatal an jene Karikatur, in welcher ein Kutscher seinem Esel eine an einer Stange baumelnde Karotte als Lockvogel vor Augen hält, welche der Esel aber nie bekommt. So wenig die anspruchsvollen Kunden von heute "betreut" werden wollen, so sehr verbitten sich die anspruchsvollen Mitarbeiterinnen unserer Tage, von ihrer Bank motiviert zu werden. Wer wird schon gerne als Esel behandelt...

    Dabei ist das Angebot an wirklich guten Bankleuten nach wie vor knapp. Insgesamt ist der Stellenabbau im Banksektor weitgehend zum Stillstand gekommen, doch die Umschichtungen innerhalb des Personals gehen weiter. Gefragt sind einerseits natürlich nach wie vor Fachspezialisten im Backoffice-Bereich. Andererseits aber steigt die Nachfrage nach Personal, das fachliche und menschliche Intelligenz verbindet. Das gilt natürlich ohnehin für jene Banken, die stark auf persönlichen Kundenkontakt setzen. Aber auch die anderen, welche den Spagat zwischen Standardisierung und Personalisierung durch den Einsatz intelligenter Technik geschafft haben, kommen nicht ohne Menschen aus, die direkten Kundenkontakt haben. Ausnahmesituationen, in denen Kunden mit der Technik nicht weiterkommen oder etwas zu beanstanden haben, gibt es immer, und genau in solchen Situationen wird entschieden, ob die Kunden weiterhin Vertrauen in die Bank haben oder nicht.

    Mitarbeiter, die fachliches und menschliches Wissen kombinieren, werden logischerweise zu Mitwissern. Jede(r) von ihnen ist ein lokales Know-How-Zentrum und bildet dank seiner menschlichen Kontakte zu Kunden und innerhalb der Bank auch einen Netzwerkknoten.

    Diese Kompetenzzentren funktionieren allerdings nicht auf der Basis von Silizium, sondern von Kohlenstoff. Menschliche Gehirne lassen sich weder mit Stromstößen noch mit Finanzspritzen zu Höchstleistungen verlocken. Sie schöpfen nur dann ihr volles Potential aus, wenn alle Faktoren stimmen, die mehr quantitativen wie das Gehalt, aber auch die subtileren wie die emotionale Atmosphäre.

    Nun haben wir bereits in der Beziehung zwischen einer Bank und ihren Kunden gesehen, daß wer viel gibt auch viel bekommt. In einem ähnlichen Denkmodell wie beim "Contrat commercial" mit den Kunden wurde kurz vor Ihrer Zeit bei SensoNet auch ein wirklich partnerschaftliches Modell zwischen Unternehmen und Mitarbeitern durchgespielt. Ergebnis: Jeweils große Mehrheiten waren bereit zu "Engagement und innerem Feuer", zu "überdurchschnittlichem Einsatz", dazu, "einen Großteil der eigenen Phantasie und des eigenen Ideenreichtums auf das Unternehmen hin zu bündeln", und zu einer "längerfristigen Bindung an das Unternehmen".

    Und was wollten diese wunderbaren idealen Mitwisser als Gegenleistung vom Unternehmen ? Karrieremöglichkeiten waren wichtig, aber nicht dominant. Schon wichtiger: "innere Entwicklungsmöglichkeiten" sowie "Autonomie-Spielräume". An zweiter Stelle: "eine sinnvolle Tätigkeit". Und ganz zuoberst: "eine Unternehmenskultur, die mir entspricht". Ausgerechnet der Begriff "Unternehmenskultur", der von den Verfechtern eines harten Downsizing längst als viel zu weich eingemottet worden war, zeigte hier, daß er zu einer neuen Blüte bereit sei. Und er hat sie erlebt. Das Vertrauen nach innen, also bei den Mitwisserinnen und Mitwissern, erringt eine Bank nur, wenn sie überzeugende Werte, Regeln, Überzeugungen und Umgangsstile hat und lebt. Ob Popkultur oder Hochkultur ist dabei sekundär, nur stimmen muß die Unternehmenskultur, das heißt zur betreffenden Bank passen.

    Ohne stimmige Unternehmenskultur keine erfolgreiche Bank - so einfach und zugleich so schwierig ist das heute - und war es schon zu Ihrer Zeit...

    Mit kulturellen Grüßen Ihre Xenia Futura

     

    *****

     

    E-Mails aus der Banken-Zukunft (35):

    FROM: Xenia Futura

    TO: Zukunfts-Interessierte

    DATE: 5. Oct 2010 15:22:11

    RE: Unternehmenspersönlichkeiten

     

    Liebe Vorgeborenen

    Wo steckt die Unternehmenskultur einer Bank, die, wie wir gesehen haben, nach innen wie nach außen die Basis für vertrauensbildende Maßnahmen ist ?

    Dumme Frage. Genau so gut (oder schlecht) könnte man fragen, wo eigentlich genau eine menschliche Persönlichkeit stecke - oder auch nur, was sie ausmache. Bei Menschen wissen wir natürlich genau, daß sich unser Eindruck von einer Person aus einer riesigen Anzahl von Details zusammensetzt. Eine einzelne Eigenschaft macht keine Person zur Persönlichkeit, erst das Zusammenspiel unterschiedlichster Facetten ergibt so etwas wie einen Gesamtglanz.

    Auch unser Eindruck von einer Bank enthält viele Facetten: Wie sie ihre Gebäude baut. Wie gepflegt ihre Mitarbeiter sind. Welchen Stil sie in ihren Briefen verwendet. Ob sie in Skandale verwickelt ist. Wie ihr werblicher Auftritt daherkommt. Wen sie sponsert (sage mir, wen Du sponserst, und ich sage Dir, wer Du bist ...)

    Im Grunde ähneln diese Fragen jenen sehr, die wir uns stellen, wenn wir einen Menschen kennenlernen und wissen wollen, ob es sich dabei nur eine Person handle oder aber um eine Persönlichkeit. Und das bedeutet: Wir nehmen Unternehmenspersönlichkeiten wahr wie solche aus Fleisch und Blut.

    Die früher ab und an gehörten Einwände gegen diese Gleichsetzung sind angesichts einer wachsenden Vertrautheit mit den evolutionären Spielregeln längst verstummt: Was sich in einem Fall bewährt hat, also etwa eine Wahrnehmungskategorie, wird so lange auf die nächsten Fälle angewendet, wie das Erfolg hat. Nun ticken wir Menschen seit etwa zweieinhalb Millionen Jahren wohl ähnlich, doch in dieser Zeit konnten wir immer Menschen wahrnehmen, aber nur selten Banken. Und deshalb neigen wir dazu, Banken wie Menschen wahrzunehmen. Was ein hübsches Spiel ist, solange man sich der Verwechslungsgefahren bewußt bleibt.

    Dann kann das Spiel sehr befruchtend sein: Wenn meine Bank eine menschliche Persönlichkeit wäre, wie hätte ich sie dann gerne ? (Teilnahmeberechtigt sind übrigens Kunden wie Mitwisserinnen der Bank...)

    Dabei werden die unterschiedlichsten Elemente eine Rolle spielen. Das geht vom Aussehen (Vergleiche zwischen einer Haarfrisur und dem Baustil eines Verwaltungsgebäudes können sehr befruchtend sein...) über Umgangsformen bis hin zur Frage, wofür sich die betreffende Persönlichkeit außerhalb ihres hauptsächlichen Tätigkeitsbereichs interessiert und engagiert. Stärken auf einem einzigen Gebiet werden dabei selten ausreichen, um eine Persönlichkeit wirklich faszinierend zu machen. Wie meistens macht es auch hier die Mischung, und allzu stromlinienförmige Persönlichkeiten werden den Aufmerksamkeitswettbewerb in der Regel gegen solche verlieren, die mit authentischen Ecken und Kanten aufzuwarten haben.

    Was wiederum bedeutet, daß Persönlichkeit weder planbar noch machbar ist. Nur wenn ein Rest von Geheimnis an ihr bleibt, wirkt eine Persönlichkeit wirklich reizvoll. Es gibt keinen Grund zum Zweifel daran, daß dies auch für Unternehmenspersönlichkeit einer Bank gilt.

    Sie erinnern sich an unser kleines Gedankenspiel von eben "Was wäre, wenn meine Bank eine menschliche Persönlichkeit wäre ?" Nun ist eine Bank zwar kein Mensch, aber sie besteht aus lauter Menschen. Für die einfache Angestellte draußen in der Provinz besteht die Bank im wesentlichen aus ihrem Vorgesetzten und vielleicht noch den Chefs ganz oben in der Zentrale, und dem Kunden geht es ganz ähnlich. In seinem Kopf besteht die Bank zwar auch aus Gebäuden und Geschäftsberichten, aber im wesentlichen doch aus menschlichen Persönlichkeiten. Etwas wie Unternehmenskultur ist für ihn ebenso wie für die Angestellte viel zu abstrakt, um wahrgenommen zu werden. Beide sind dagegen sehr wohl in der Lage, eine in Unternehmenspersönlichkeiten verkörperte Kultur wahrzunehmen und einzuschätzen.

    Was uns zum banalen, aber erst allmählich selbstverständlich werdenden Schluß führt, daß eine Bank auf Dauer nur erfolgreich sein kann, wenn sie dauern an ihrer Persönlichkeit arbeitet und dafür genug investiert. Gar nicht unbedingt Geld, aber dafür Aufmerksamkeit, Offenheit, Neugier, bewußte Wahrnehmung, Achtsamkeit. Das Ergebnis heißt: Sich verändern, ohne sich untreu zu werden.

    Eine echte Herausforderung ?!Ihre Xenia Futura

     

    *****

     

    E-Mails aus der Banken-Zukunft (36):

    FROM: Xenia Futura

    TO: Zukunfts-Interessierte

    DATE: 5. Oct 2010 16:31:59

    RE: Bewußtseinserweiterung

     

    Liebe Vorgeborenen

    Zum Schluß meiner letzten E-Mail kam das Wörtchen Schluß vor, und das ist leider ganz wörtlich zu nehmen. Mein Kontingent von 36 E-Mails von jeweils zwei Seiten, die ich Ihnen durch die Zeit zusenden durfte, ist erschöpft. Jedenfalls fast.

    Und so stelle ich erschrocken fest, daß es noch eine Menge zu erzählen gäbe. Über neue Refinanzierungsmodelle im Kreditgeschäft. Über die identitätsstiftende Wirkung des Euro. Über ein neues Gleichgewicht zwischen Regulierung und Deregulierung der internationalen Finanzströme. Über intelligentes Sponsoring der Banken. Über abnehmende Fertigungstiefe . Über eine Neubewertung des Elitebegriffs in der Bankenwelt. Und so fort.

    Und natürlich hätte ich ihnen gerne noch mehr und Konkreteres berichtet über die bunte Vielfalt an spannenden menschlichen Persönlichkeiten und Unternehmens-Persönlichkeiten, die ich bei meinen Streifzügen durch Ihre künftigen Bankenlandschaften kennengelernt habe. Das alles soll nun nicht mehr sein.

    Und Sie, verehrte Leserin, verehrter Leser, werden sich vielleicht nach der Lektüre meiner E-Mails leicht verwundert die Augen reiben und sich fragen, was Sie denn nun wirklich über die Zukunft der Banken gelernt haben. Ich könnte es Ihnen nicht mal übelnehmen, wenn Sie zum Schluß kämen: wenig bis gar nichts.

    Nun wußten Sie als intelligenter Mensch natürlich schon bevor Sie überhaupt angefangen haben zu lesen, daß es so etwas wie die Zukunft der Banken gar nicht geben kann. Es gibt vielmehr, und davon hoffe ich Ihnen eine Ahnung vermittelt zu haben, so viele Zukünfte wie es Banken gibt. Die Zukunft der Banken ist individuell.

    Natürlich habe ich zusätzlich mit der Fiktion gespielt, die Zukunft stünde bereits fest. Sie wissen so gut wie ich, daß Zukunft (auch) gemacht wird, nicht zuletzt von Ihnen.

    Ich sage bewußt "auch", denn die Spielräume zur Gestaltung der Zukunft sind nun mal begrenzt. Ich habe hier einen Ort in Ihrer Zukunft beschrieben, an dem wünschbare und denkbare Entwicklungen zusammen kommen, also Visionen, nicht Utopien.

    Und das bedeutet nun mal, daß die Entwicklungen in der Bankenwelt, die Sie in den nächsten Jahren miterleben werden, nicht spektakulär sind. Sicher, es wird auf der quantitativen Ebene in Form von Fusionen noch einige Veränderungen geben, aber die spannenderen sind qualitativer Art, sind subtiler Natur. Ihnen galt mein hauptsächliches Augenmerk.

    Was ein hübsches Wort ist. Unsere Augen bemerken nur das, wofür sie bereits sensibilisiert sind. In einer uns wildfremden Gegend kann die Post abgehen und wir bekommen davon nichts mit, weil wir gar nicht wissen, worauf wir zu achten haben.

    Solange unser Geist nur neue Antworten auf alte Fragen produziert, bleibt er in den bekannten Bewußtseinsräumen stecken. Der Prozeß der Bewußtseinserweiterung kommt erst in Gang, wenn wir neue Fragen stellen, Bekanntes aus unbekannter Perspektive betrachten.

    Es ist mir wohl bewußt, daß es zu meinen Privilegien als Philosophin gehört, mir die dazu nötigen Freiräume, die unerläßliche geistige Distanz zu den Alltagsphänomenen, immer wieder leisten zu können, auch und gerade, um mir ein paar hübsche und kluge Gedanken zum Verhältnis von Geld und Geist in den heutigen Bankenlandschaften zu machen.

    Die heutigen Bankenlandschaften sind für Sie die künftigen, um deshalb ging es hier nicht um hübsche oder kluge Gedanken meinerseits, sondern um Anregungen und Impulse für Ihr Bewußtsein. Sie mögen mit Bewußtseins-Erweiterung nicht viel am Hut haben (andere nennen denselben Prozeß übrigens schlicht und ergreifend Lernen), doch kann es für jemanden wie Sie, der die Zukunft der Banken aktiv mitgestaltet, vermutlich nichts schaden, in einer kleinen Oase der Muße das immer wieder wirksame Gedankenspiel zu spielen: "was wäre, wenn .. (ich die Zukunft der Banken mal so sähe) ?

    Das jedenfalls hofft Ihre Xenia Futura.

     

    PS. Vielleicht öffnet sich ja mal wieder ein kleines Zeitfenster für ein paar E-Mails aus der Banken-Zukunft...

  •