Moses 2.0: Wie wir gemeinsam den Wandel vom Lebensstandard zur Lebensqualität schaffen

Bekenntnisse eines Generalisten für reifende Lebensqualität

26. Moses Dilemma

Wie wir spätestens seit Einstein wissen, sind Gedankenspiele ein sehr erhellendes Mittel der Erkenntnisgewinnung. Wohlan denn, lassen Sie uns eines wagen, und zwar in Form einer Konzeptskizze für einen Film über den Zeitreisenden Moses:

Moses, mit langem weißem Rauschebart, verabschiedet sich von seinem Volk mit der Begründung, er müsse in Ruhe mit seinem Boss sprechen, sei aber in ein paar Tagen wieder zurück. Dann steigt er bergwärts. Schwenk auf einen Wegweiser: Sinai.

Auf dem Gipfel des Berges Sinai übergibt Derdaoben (ebenfalls mit langem weißem Rauschebart) Moses die Tafeln mit den zehn Geboten. Zur Feier des Tages rauchen die beiden eine Wasserpfeife und dösen vor sich hin. Dann schlägt die Überwachungsanlage von Demdaoben Alarm. Die beiden schrecken auf und sehen auf dem Bildschirm diese Szene:

Als aber das Volk sah, dass Moses ausblieb und nicht wieder von dem Berge zurückkam, sammelte es sich gegen Aaron und sprach zu ihm: Auf, mach uns einen Gott, der vor uns hergehe! Denn wir wissen nicht, was diesem Mann Moses widerfahren ist, der uns aus Ägyptenland geführt hat. Aaron sprach zu ihnen: Reißet ab die goldenen Ohrringe an den Ohren eurer Frauen, eurer Söhne und eurer Töchter und bringt sie zu mir. Da riss alles Volk sich die goldenen Ohrringe von den Ohren und brachte sie zu Aaron. Und er nahm sie von ihren Händen und bildete das Gold in einer Form und machte ein gegossenes Kalb. Und sie sprachen: Das ist dein Gott, Israel, der dich aus Ägyptenland geführt hat!

»Scheiße«, spricht Derdaoben, »Du musst sofort runter und Deine Herde wieder auf Kurs bringen!« Moses springt auf, doch in seinem leichten Dusel stolpert er über einen Stein und fällt voll auf den Kopf.

Derdaoben untersucht Moses und murmelt vor sich hin: »Schweres Gehirntrauma, mit heutigem Wissenstand nicht zu heilen. Sorry, guter Junge, muss Dich weit voraus in die Zukunft schicken, da kannst Du geheilt werden....« Derdaoben steckt Moses in eine Art Kühlschrank und programmiert eine Zeituhr auf das Jahr 2009 nach der Geburt seines Sohnes.

Derdaoben geht unruhig auf dem Gipfel des Sinai hin und her und führt erneut Selbstgespräche: »Mist, was ich jetzt mit denen da unten? Ich kann doch mein Volk nicht einfach diesem falschen Götzen überlassen. Und der einzige, auf den sie hören würden, ist so dämlich, ins Koma zu stolpern. Halt, ich hab’s! Ein Doppelgänger muss her! Gut, den kann ich aus Lehm formen, kein Problem, aber ich habe nicht viel Zeit, ihn zu instruieren, sonst läuft es da unten aus dem Ruder. Aber versuchen muss ich es...«

Derdaoben schaut gebannt auf den Bildschirm seiner Überwachungsanlage und sieht das:

Als nun Moses sah, dass das Volk zuchtlos geworden war - denn Aaron hatte sie zuchtlos werden lassen zum Gespött ihrer Widersacher -, trat er in das Tor des Lagers und rief: Her zu mir, wer dem HERRN angehört! Da sammelten sich zu ihm alle Söhne Levi. Und Moses sprach zu ihnen: So spricht der HERR, der Gott Israels: „Ein jeder gürte sein Schwert um die Lenden und gehe durch das Lager hin und her von einem Tor zum andern und erschlage seinen Bruder, Freund und Nächsten“. Die Söhne Levi taten, wie ihnen Moses gesagt hatte; und es fielen an dem Tage vom Volk dreitausend Mann.

Da rauft sich Derdaoben seinen Bart und seufzt resigniert: »Mann, ich hab’s verbockt! Dieses Double hat nichts kapiert. Klar war ich sauer, dass die da unten mir eine andere Gottheit vorgezogen haben, aber man hätte sich doch irgendwie einigen können. Jetzt ist die Mosaische Unterscheidung zwischen dem einzig richtigen und allen anderen falschen Göttern in der Welt, und schon fließt Blut in Strömen. Wird wohl nur ein Anfang sein. Und der richtige Moses wacht erst in über dreitausend Jahren wieder auf. Ich habe genug und gehe in Rente...« Derdaoben geht ab.

Zeitsprung ins Jahr 2009. Wir sehen Moses, in Krankenhaus-Kluft, in einer Isolierzelle, Blick von außen. Vor der Einwegscheibe stehen der Psychiater und ein älterer Herr im Philosophen-Look. Der Psychiater erklärt die Vorgeschichte:

»Der Typ da behauptet, Moses zu sein. Na ja, ist ja nicht ungewöhnlich hier, aber sein Auftauchen spricht für seine Version. Er materialisierte sich nämlich plötzlich in unserer Intensivstation, und glaubwürdige Zeugen behaupten, er hätte in einer Art Kühlschrank gesteckt, der sich dann in Nichts auflöste. Ziemlich schweres Schädel-Hirn-Trauma, aber problemloser Verlauf. Gehirnfunktionen wieder suffizient, hat allerdings manchmal Orientierungsprobleme beim Umgang mit alltäglichen Gegenständen. Einem normalen Gespräch kaum zugänglich. Ach ja, es gibt eine Alteranalyse seiner Kleidungsreste. Ergebnis: Über dreitausend Jahre alt. Und jetzt möchte ich, dass Sie als Philosoph mal mit ihm sprechen, vielleicht kommen Sie ihm ja ein bisschen näher als wir bisher.«

Der Philosoph wird von Moses mit der dringlichen Botschaft empfangen, er müsse unbedingt die Gesetzestafeln von Demdaoben zu seinem Volk bringen, um es vom Tanz um das goldene Kalb abzuhalten. Das sei doch längst geschehen, meint der Philosoph und liest zum Beweis die entsprechenden Passagen aus dem Alten Testament vor. Das ist der Auslöser für einen posthypnotischen Befehl, den Derdaoben noch vor seinem Abgang in Moses Gehirn hinterlassen hat. Moses kennt jetzt die ganze Geschichte von seinem Sturz und seiner Zeitreise, und auch die vom missglückten Stellvertreter-Einsatz. Und da ihm Derdaoben als kleines Abschiedsgeschenk ausreichende Kenntnisse der Sprache seiner neuen Jetztzeit und eine ordentliche Portion Klugheit, ja Weisheit hinterlassen hat, ergeben sich jetzt interessante Gespräche zwischen ihm und dem Philosophen über Gott und die Welt.

Das heißt, von Gott ist weniger die Rede. Moses braucht einige Zeit, bis er den Abgang von Demdaoben verdaut hatte. Und noch mehr wurmt ihn, dass man jene Religionen, die unverrückbar und manchmal mit aller Gewalt an ihrem einen und ausschließlichen Gott festhalten, ausgerechnet nach ihm die mosaischen genannt hat. Dabei sei es ihm doch „nur“ darum gegangen, seinem Volk eine bessere Alternative zur sinnlosen Anbetung des Goldes zu offerieren, als Angebot, und doch nicht als Zwang. Und die Idee, die sein Double angewendet hatte, nämlich eine überholte Idee zu beerdigen, indem man ihre Träger totschlägt, findet Moses absolut hirnrissig.

Hartnäckig bleibt Moses bei seiner Mission, den Menschen erklären zu wollen, dass es im Leben Besseres gäbe als den Tanz um das goldene Kalb, nicht weil es sich dabei um einen falschen Götzen handle, sondern einfach, weil es ihnen, den Menschen, damit besser ginge. Dass das mit in Stein gemeißelten Gesetzen, die sich auf die Autorität von Demdaoben beziehen, heut zu Tage nicht mehr geht, sieht er bald ein. Und so sucht er nach alternativen Möglichkeiten und Methoden, seine Einsichten zu verbreiten.

Der Philosoph, als er nach anregenden Quellen für diese Suche gefragt wird, verweist ihn auf einen weiteren älteren Herrn mit wallendem weißem Rauschebart, der zufällig an diesem Tag, es handelt sich um den 12. Februar 2009, 200 Jahre alt geworden wäre: Charles Darwin. Moses beginnt dessen Evolutionstheorie zu studieren, und da ihm ein helles Köpfchen geschenkt worden ist, begreift er bald, dass er da auf einer heißen Spur ist.

Zurück zum letzten Kapitel

Vorwärts zum nächsten Kapitel

Zugangswege

Die Frage, ob ich an Astrologie glaube, würde ich jederzeit mit einem klaren Nein beantworten. Das hat mich nicht daran gehindert, vor vielen Jahren mal in einem obskuren Magazin einen Artikel darüber zu schreiben, was Astrologie sei. Daraufhin erzählte mir ein bekennender Astrologe staunend, er hätte seiner Freundin nie erklären können, worum es da ginge, nun, nach der Lektüre meines Artikels, hätte sie es begriffen.

 Das ist natürlich nicht sehr erstaunlich. Unbelastet vom Streit um Glaubenssätze oder von festgelegten Denkschemata kann ich von außen die wesentliche Architektur eines Gedankengebäudes besser erfassen als von innen. Zudem habe ich ein Leben lang trainiert, möglichst ohne geistige Scheuklappen an etwas heranzugehen und mir dabei möglichst viele Assoziationskanäle offen zu halten, sprich, dafür zu sorgen, dass sich bei meinen Gedankenflüssen zueinander finden kann, was zusammen gehört.

Dabei habe ich die Erfahrung gemacht, dass die alte Volksweisheit, wonach viele Wege nach Rom führen, nicht nur stimmt, sondern uns darüber hinaus auch lehrt, dass man einem Thema am besten gerecht wird, wenn man verschiedene Zugangswege ausprobiert.

Ein solcher Zugangsweg ist das Gedankenspiel: Was wäre, wenn? Dieses spielend erfinden wir Geschichten. Wie die meisten Menschen liebe ich Geschichten mehr als Formeln, und es ist längst bekannt, dass uns Geschichten und Gleichnisse oft weitaus besser die Augen öffnen können als dürre Zahlen oder abstrakte Ideen. Weshalb ich, wenn ich eine Botschaft habe, diese gerne in Geschichten kleide. In selbst erlebte. Oder eben auch in selbst erfundene.

Die Geschichte vom Zeitreisenden Moses mag zunächst verrückt klingen. Doch dann führt sie uns rasch mitten in das zentrale Thema dieses dritten Teils, nämlich zur Frage, wie sich die Erkenntnis, dass der Wandel vom Lebensstandard zur Lebensqualität angesagt sei, möglichst rasch und wirksam verbreiten lassen könnte. Der alte Moses, oder besser sein unfähiges Double, wie wir jetzt wissen, hatte es da leicht, er konnte seiner Alternative zum Tanz um das goldene Kalb mit göttlicher Autorität und weltlichem Schwert zum Durchbruch verhelfen. Doch was soll der neue Moses machen, nachdem ihm diese Methoden nicht mehr zur Verfügung stehen?

Moses Frage ist auch unsere Frage: Was wissen wir über die Verbreitung von guten Ideen? Wo können wir etwas darüber lernen? Und was bedeutet das für uns, die wir der Idee von Lebensqualität als Leitwert zur Blüte verhelfen wollen? Mehr demnächst in diesem Theater...